Berichte von 03/2014

Halbzeit

Mittwoch, 05.03.2014

 

 

 Eigentlich waren die drei Monate schon letzte Woche um. Aber erst seit heute halte ich meinen Pass in den Händen, in dem die wunderschöne Verlängerung meines Visums klebt. Nachdem nun feststeht, dass ich nicht in Handschellen aus China eskortiert werde, wollte ich ein paar Sachen sagen.

 

Ich habe mich gut eingelebt und die Routine macht vieles leichter.  Vorbei ist die Zeit, in der sich meine Augen panisch-überfordert weiteten, als mich die Kassiererin fragt, ob ich eine Plastiktüte möchte. Vorbei die Zeit, in der ich einen ausdrucksstarken Tanz hinlegen musste, um der Haushälterin nach der Waschmaschine zu fragen. Nicht, dass mein Chinesisch  flüssig wäre- es ist vielleicht doppelt so gut wie am Anfang, was leider immer noch erbärmlich schlecht ist-aber meine Pantomime ist deutlich effizienter geworden.

Langsam kommt mir der Reis zur Nase heraus (und in Jakes Fall meine ich das wörtlich. Neulich musste er sich schnäuzen und hat dann ganz verdattert auf ein Reiskorn in seinem Taschentuch gestarrt) und ich fantasiere von italienischen Nudeln, Müsli und Kaffee.

Abgesehen davon geht es mir hier aber ganz gut und ich freue mich auf die drei restlichen Monate.

 

Die positiven Rückmeldungen, die mich über Umwege erreichen, bedeuten mir viel. Ich kann nicht allen danken, aber ich möchte erwähnen, dass ich dem David aus Bremen eine Laterne auf meiner Joggingstrecke gewidmet habe; und zwar genau dreihundert anstrengende Meter vor Ende. Gut, die Laterne ist (wie ich kürzlich gemerkt habe) in Wirklichkeit ein Pfahl mit einer Sicherheitskamera. Aber es ist ja die Geste, die zählt.

 

Das Kontaktformular oben rechts in der Ecke des Blogs ist zwar ein Formular, aber Kontakt herstellen tut es leider nicht. Das liegt aber (ausnahmsweise) nicht an mir. Ich habe versucht, die Betreiber des Blogs zu kontaktieren- alas, sie antworteten nicht. Meine Verschwörungstheorien schwanken mittlerweile zwischen den Illuminati, Big Brother  und einem chinesischen Bermudadreieck.

Es tut mir um alle Nachrichten sehr leid, die im binären Nirwana verschwunden sind. Ich bin allerdings über E-Mail zu erreichen.

 

Ein blonder Leuchtturm

Freitag, 07.03.2014

 

 

In Ningbo gibt es noch ein anderes Au-Pair Mädchen aus Deutschland, mit dem ich mich regelmäßig treffe. Letztes Wochenende haben wir das gemacht, was zwei Teenager mit genug Geld und absoluter Freiheit in einer fremden Stadt eben tun: wir gingen in den Zoo. Dank des Nieselregens waren nur wenige Chinesen unterwegs, aber eine Gruppe hat gleich Fotos einer besonders exotischen Tierart geschossen: uns.

Anders als im sehr internationalen Shanghai sind Ausländer hier eine Seltenheit und ich werde auf der Straße unverhohlen angestarrt. Autos fahren langsamer, Kleinkinder klammern sich enger an ihre Eltern und es ist nur eine Frage der Zeit, bis ich einen Verkehrsunfall verursache, weil ein Motorradfahrer den Kopf zu lange zu mir hindreht.

In den ersten Wochen fand ich diesen Filmstar-Effekt kurios und auch schmeichelhaft; natürlich wird man oft besser behandelt als der durchschnittliche Chinese (und meine liebe Freundin hat auch schon einen ernstgemeinten Heiratsantrag bekommen), aber die ganze Aufmerksamkeit fällt doch sehr lästig. Gestern wollte ich Teigtaschen kaufen und sämtliche fünf Angestellte im Laden sind für zehn lange Sekunden erstarrt, haben sich hilfesuchend angeschaut und anschließend mit Gesten ausdiskutiert, wer denn zu mir hingehen soll. Ach, die Ironie: Ich wohne auf einem fremden Kontinent in einer Millionenstadt und die Chinesen haben den größeren Kulturschock.

Allgemein sind die Reaktionen auf Ausländer aber sehr positiv und gerade Deutschland genießt einen erfrischend guten Ruf (Autos, Technik, Qualität…)- besser sogar als Amerika. An meinem zweiten Tag hier bin ich in den Park gegangen und wurde von zwei Chinesen nach meiner Nationalität gefragt. Auf mein gestammeltes „de gou ren“ lächelten sie gleich breit, nickten verständnisvoll und nannten mir den Namen der Persönlichkeit, die sie mit Deutschland assoziierten: Karl Marx.

Chinesen und der Sport

Freitag, 14.03.2014

 

 

Wundert euch nicht, wenn euch ältere Leute entgegenkommen, die rückwärts spazieren gehen. Oder wenn sich eine Gruppe auf einem öffentlichen Platz um einen plärrenden CD-Spieler schart und dann synchron rhythmische Bewegungen macht. Nein, hier werden keine Dämonen beschworen-hier wird eifrig Tai Chi betrieben. Der Sport ist vor allem bei Rentnern beliebt, um sich bis ins hohe Alter fit zu halten.

Eine andere beliebte Sportart ist natürlich Tischtennis, das meine Familie mit sehr unterschiedlichem Können spielt. Die Eltern sind beide sehr gut und ich kämpfe vor allem gegen meinen Leichtathletik-Instinkt an, den Ball mit voller Kraft wegzuschlagen. Jake ist ja erst neun und besonders häufig trifft er den Ball nicht (das hat ihn aber nicht davon abgehalten, mich mit dem  Ball aus einem ziemlich unglaublichen Winkel ziemlich zielsicher in mein Gesicht zu treffen).

Basketball ist auch populär, wird aber eher im Fernsehen geschaut als gespielt. Und ich durfte meine Definition von Sport auch erweitern: Spazierengehen ist, wie die Mutter mir versichert, „good excercise“. Zehn Minuten um den Block gehen und schon werden alle Gewichtsprobleme gelöst. Na ja. Ich finde ja schon Reiten fragwürdig, weil das Pferd die ganze Arbeit macht- aber Sport, wo man noch nicht einmal ins Schwitzen gerät?

Außer den missmutigen Schülern, die in unbequemen Schuluniformen um den Sportplatz gejagt werden, macht hier keiner unter sechzig regelmäßig Sport. Es gibt keine Sportvereine und der Durchschnittschinese hat eh keine Zeit für körperliche Ertüchtigung (Sport überhaupt wird als Anstrengung und nicht als Erholung angesehen).

Heute habe ich tatsächlich einen anderen Jogger gesehen. Der ist allerdings nach fünf Minuten stehen geblieben und hat dann mindestens zehn Minuten mit geschlossenen Augen, tief atmend und leicht wippend auf der Stelle verharrt. Ach ja, die Chinesen sind eben Kopfmenschen und bevorzugen „leichte“ Sportarten, die die Konzentration fördern. Und ich finde mich mit meinem Status als das blonde joggende Weltwunder ab.

 

Links zwo drei vier

Donnerstag, 20.03.2014

 

 

Letztens habe ich Jake mit leichter Verspätung zur Schule gebracht. Plötzlich fangen die Lautsprecher am Schulgebäude an, Musik zu spielen. Ich gehe natürlich unbeeindruckt und munter plaudernd weiter, bis ich merke, dass Jake vor zwanzig Metern stehen geblieben ist und salutiert. Ein irritierter Blick in die Umgebung zeigt, dass sämtliche Schulkinder das gleiche tun. Dann hört die Nationalhymne auf zu spielen und wie bei Stopptanz oder nach einem Flashmob gehen alle normal weiter.

Im Vergleich zu Deutschland gibt es hier große Militärbegeisterung und noch größeren Patriotismus. In den Nachrichten laufen oft Berichte über das neuste Kampfflugzeugmodell der Armee oder über einen Flugzeugträger. Klassenfahrt? Pah! Wenn ich die holprige Erklärung richtig verstanden habe, verbringen die Kinder einige Tage beim Militär, um den Alltag der Soldaten kennen zu lernen, sich körperlich anzustrengen und Disziplin zu lernen.

Es ist natürlich so, dass ich mit einem neunjährigen Jungen zusammenlebe, dem sein Onkel gesagt hat, er würde ein guter General werden. Jake ist sehr begeistert von Krieg, Waffen und der Armee und er kann nicht nur den zweiten Weltkrieg in und auswendig (und zwar mit allen Daten), sondern zeichnet auch mit großer Begeisterung stundenlang Kriegsszenen. Manchmal sagt die Mutter, er soll gerade stehen „like a soldier“. 

In den ersten Wochen hier hab ich mir schon ein bisschen Sorgen gemacht. Während des Unterrichts hat er bei jeder Kleinigkeit, die er nicht wusste, mit zwei Fingern an den Kopf gezeigt, „Bäm“ und dann „I’m dying“ gesagt und ist dann kurz auf das Sofa gesunken. Was für ein Kompliment für meinen Unterricht.

Auch als wir dann zusammen verschiedene Berufe gezeichnet haben: Frisör (ein kleines Strichmännchen hält eine zwei Meter große Schere bedrohlich über das zweite Strichmännchen), Mechaniker (ein Strichmännchen fliegt weg von einem explodierenden Auto), Krankenschwester (ein Strichmännchen liegt am Boden, die Krankenschwester jagt eine ein Meter große Spritze in den Bauch) oder Stewardess (ein Kampfjet beschießt einen brennenden Panzer). So viel also zu meinen pädagogisch wertvollen Spielen.

Klingt das besorgniserregend? Soll es nicht. Jake ist ein sehr militär- und geschichtsinteressierter Junge mit lebhafter Fantasie und einer Vorliebe für Kriegsspiele. Sehr süß und naiv hat er mir schon mehrmals versichert, dass er zwar General werden will, aber niemanden töten möchte...

 

Shengri kuaile (Happy Birthday)

Montag, 31.03.2014

In China gibt es zwei Kalender: einmal den westlichen und einmal den chinesischen (oder „Bauern“-) Kalender, der weitaus beliebter ist. Mit diesem Kalender werden die chinesischen Feiertage festgelegt und Geburtstagsgratulationen sehr schwierig gemacht.

Das „wann“ des Geburtstags wird meistens mit chinesischen Datum angegeben und selbst wenn man dieses nachschlägt, sollte man vorsichtig beim „wie alt“ sein. Warum? Zwei Sachen: der Geburts-Tag wird als Geburtstag gezählt; Neugeborene sind also schon ein Jahr alt. Außerdem wird man nicht nach seinem Geburtstag ein Jahr älter, sondern nach dem Frühlingfest. Ein Baby kann also zwei Wochen (nach unserer Rechnung) und zwei Jahre (nach chinesischer Rechnung) alt sein.

Noch nicht genug Verwirrung? Manche Chinesen kommen uns Ausländern auch entgegen und nennen und kombinieren z.B. das (chinesische) Alter mit einem westlichen Datum. Meistens hilft nur stupides Nachfragen nach dem vollständigen Geburtsdatum in unserem Kalender. Aber- und hier kommt ein freundliches „aber“, welches euch von krampfhaften Kopfrechnen und nervösen Nachschlagen bewahrt- aber Geburtstage sind nicht so wichtig.

Jake hatte im Januar Geburtstag und Serena im Februar und ich habe natürlich beide glorios verpasst. Zum Glück war das nicht schlimm, es wurde weder gefeiert noch irgendwelche Geschenke überreicht. Anlässlich Jakes Geburtstages sind wir einen Tag vorher ins Restaurant gegangen und an Serenas Geburtstag hat die Gastmutter eine Geburtstagstorte gekauft, die mit Tomaten dekoriert war (ja, die Tomate gilt hier als Frucht).