Berichte von 01/2014

Über das chinesische Essen

Dienstag, 07.01.2014

 

 

Bitte erinnert euch an euren letzten Besuch in einem chinesischen Restaurant oder an das letzte Mal mit dem chinesischen Lieferservice zurück.  Ja? Habt ihr alles vor Augen? Den Reis, die Ente, die gebratenen Nudeln, das Schweinefleisch süß-sauer? Gut, dann vergesst, was ihr euch vorgestellt habt. Chinesisches Essen ist anders.

Oder zumindest größtenteils anders. Zu erst einmal die Tischmanieren. Man isst offensichtlich mit Stäbchen, wobei es ein Paar Stäbchen zum auf-den-Teller-legen gibt und jeder ein Paar Essstäbchen hat.  Die Gerichte stehen in mundgerechte Stücke geschnitten in der Mitte des Tisches, die in manchen Fällen auch drehbar ist. In diesem Haushalt kommen immer 5-6 Gerichte auf den Tisch, das meiste davon Gemüse, aber  immer auch Fisch oder Fleisch. Knochen, Schalen und andere ungenießbare Sachen werden neben den Teller auf den Tisch gespuckt. Ein bisschen lauter als in Deutschland geht es schon zu: Schlürfen, Schmatzen und vom Teller das Essen in den Mund schaufeln ist normal.

Ich esse hier verhältnismäßig früher als in Deutschland; Frühstück um Viertel nach sieben, Mittag um kurz vor zwölf und Abendbrot um halb sechs. Alle Mahlzeiten sind warm, d.h. es gibt auch Reis, Fleisch usw. zum Frühstück. In der ersten Woche habe ich noch schmerzlich Kaffee und Müsli vermisst, aber mittlerweile habe ich mich daran gewöhnt.

Was esse ich? Also erst einmal, Reis ist die Grundlage zu so ziemlich allem und wird zu jeder Mahlzeit serviert. Und mit Reis meine ich nicht den gräulichen, groben Reis, den es in Deutschland im Supermarkt gibt, sondern weißen, etwas klebrigen Reis, der hier immer in einem extra Dampfkochtopf gekocht wird und besser schmeckt. Eben weil der Reis etwas klebrig ist, ist es kein Problem, ihn mit Stäbchen zu essen(nach ungefähr zwei Wochen war ich Vollprofi). Das Gemüse ist sehr gut, aber ich habe größtenteils keine Ahnung, was ich esse.  Einmal habe ich „Bohnen“ gegessen, nur um festzustellen, dass es tatsächlich Erbsen  waren und während alle anderen die Erbsen mit den Stäbchen herausgepult haben, habe  ich auf der zähen Schote herumgekaut. Der Fisch kommt hier immer komplett auf den Tisch. Der Kopf des Fisches (der selbstverständlich noch Augen hat) gilt als der beste Teil und macht einen Großteil des Wertes des Fisches aus. Ich kann nicht sagen, dass ich sehr unglücklich bin, wenn der Vater sich diese Delikatesse sichert. Ich (die eigentlich nur Fischstäbchen mag) bin dann meistens damit beschäftigt, Gräten zu suchen (wirklich, die sind überall! Mein Fisch ist vor lauter Herumgestochere praktisch schon Brei und wenn ich ihn dann esse, pieken mich trotzdem immer noch sechs Gräten. Was mache ich falsch?). Fleisch gibt es auch oft, aber da erkenne ich meistens von welchem Tier. Meistens sind noch Knochen dabei, aber die werden dann ja anschließend auf den Tisch gespuckt.

Chinesen haben eine sehr offene und unkomplizierte Einstellung zum Essen. Keines der Kinder hat irgendwann einmal etwas nicht gegessen oder gesagt: „das mag ich nicht“. Was essbar ist, wird gegessen, und wenn es exotisch ist, umso besser. Bislang haben sich meine kulinarischen Abenteuer  sehr in Schach gehalten, aber ich habe immerhin schon Ziege probiert und so eine großes dickes Krabbenviech  (keine Ahnung, was genau es war, aber mir wurde gesagt, dass es eine Spezialität und sehr teuer ist). Vorgestern morgen bei Frühstück habe ich mich sehr erschrocken, weil sich ein Sack, der vor der Küche stand, bewegt hat. In diesem Sack befand sich ein noch lebendes Huhn; ein Zustand der sich wohl zwei Stunden später verändert hat, denn um die Mittagszeit war die Großmutter (die gerade zu Besuch ist) am Gange, das Huhn zuzubereiten und spätestens beim Abendessen, als es Hühnchen gab, war ich mir sicher, dass das Huhn jetzt im Hühnerhimmel weilt (und sein Körper in meinem Magen).

Allgemein ist das Essen deutlich weniger süß, es gibt keinen Nachtisch, zwischen den Mahlzeiten eigentlich nur Obst und nur die gelegentliche Tour zum nahen Supermarkt bewahrt mich vor dem Schokoladen-Entzug. (Gott bewahre, dass ich mich gesund ernähre!).

Obwohl es oft Suppe zu den Mahlzeiten gibt, trinkt man hier kein Wasser nebenbei. Ich und meine Tasse rennen also ständig in die Küche, um Wasser aus der Thermoskanne einzufüllen. Ja, Thermoskanne- hier wird Wasser grundsätzlich warm getrunken. Ich habe schockierte Blicke geerntet, als ich erzählt habe, dass in Deutschland Wasser immer kalt getrunken wird. „Aber das ist doch nicht gut für den Bauch!“. Tja, so unterscheiden sich Meinungen. Aber warmes Wasser schmeckt eigentlich ganz gut, vor allem bei den momentanen Temperaturen  und der Tatsache, dass man das Leitungswasser nicht einfach aus dem Hahn trinken kann.

 

Macklemore und ich

Mittwoch, 08.01.2014

 

 

Oft denke ich mit nicht sehr warmen Gedanken an jenen Mann zurück (wer auch immer das gewesen sein mag), der in einem Gewittersturm aus Geistesblitzen beschlossen hat, dass Südchina keine Heizungen braucht. Ja, ihr habt richtig gelesen. Wir haben hier keine Heizungen (aber in aller Fairness muss gesagt werden, dass einige elektrische Heizöfen herumstehen) und auch in der Wohnung behält man selbstverständlich die Jacke an. Für die Chinesen ist das etwas ganz Normales und nach den ersten paar Tagen Bibbern habe ich mich erstaunlich gut an die Temperaturen drinnen gewöhnt. Ich ziehe morgens immer mindestens drei Lagen an und zusammen mit meinem dicken braunen Daunenmantel lässt sich die Kälte gut ertragen; das letzte Mal in dem beheizten Einkaufszentrum habe ich wie eine Verrückte angefangen zu schwitzen und fand die Luft sehr stickig.

Am härtesten ist es definitiv, aus der Dusche zu kommen und morgens aufzustehen, aber für beides habe ich Strategien entwickelt. Ich dusche einfach so heiß, dass meine Haut ein schönes Rot annimmt und für die nächsten zehn Minuten Wärme abstrahlt; Zeit genug, sich anzuziehen. Meine Taktik, morgens das Bett zu verlassen, ist da schon komplexer. Ich habe nämlich zwei Bettdecken, sodass es richtig schön warm ist im Bett und das Aufstehen wirklich, wirklich schwierig ist.  Zehn widerstrebende Minuten nachdem mein Wecker also das erste Mal geklingelt hat, windet sich eine einzelne tastende Hand aus dem Deckenberg. Zum Glück ist der Kleiderschrank in Reichweite des Bettes, und die  Hand zieht ein paar Klamotten hervor, die dann auch  schnell unter der Bettdecke verschwinden. Die Methode ist ein bisschen umständlich, hat sich aber bewährt.

Aber was rede ich die ganze Zeit von den Nachteilen, die man ohne Heizung hat? Es gibt auch Vorteile! Meinen Wintermantel, den ich vorher etwas groß und sperrig fand, nehme ich gar nicht mehr war, weil wir praktisch miteinander verwachsen sind. Mein Laptop, der normalerweise zum Überhitzen neigt, läuft nach einer Nacht auf der eiskalten Fensterbank besser als je zuvor und ohne die trockene Heizungsluft geht es Haut und Haaren sehr gut und ich habe auch keine rissigen Lippen und davon, wie viel Geld man spart, will ich gar nicht erst reden.

 

Kinderlieder sind gruselig

Donnerstag, 09.01.2014

 

 

Nachdem ich heute zwanzig Mal „Hoppe Hoppe  Reiter“ zu dem kleinen Jungen gesungen habe, hab ich gemerkt, wie verstörend der Text eigentlich ist. Ich meine, „wenn er fällt, dann schreit er/ fällt er in den Graben/fressen ihn die Raben/fällt er in den Sumpf/macht der Reiter Plumps“ ist eigentlich nicht gerade kindgerecht. Der Text gehört definitiv von einer sanften Kinderstimme gesungen an den an den Anfang eines Horrorfilms! Zum Glück verstehen die Chinesen nicht, dass ich von brutalen Toden und Aasfressern singe, sonst würden sie die deutsche Kultur vielleicht ein bisschen kritischer sehen. Na ja, der Kleine liebt es. Wie wärs mit „Hoppe Hoppe Reiter/wenn er fällt, dann erschrickt er/ weil er aber einen Reithelm hatte/landet er wie auf Watte/auch bei einem Fahrradritt/sollten Helme immer mit“. Ein bisschen holprig ist es zugegebenermaßen, aber bei so viel pädagogischen Wert und politischer Korrektheit ist der allgemeine Erfolg gewiss!!!

 

Ein typischer Tag

Freitag, 10.01.2014

 

 

Ich stehe morgens um sieben auf und bereue, dass ich nicht pünktlich ins Bett gegangen bin. Dann gibt es mit der ganzen Familie Frühstück (oder fast der ganzen- Serena ist um diese Zeit schon Richtung Schule verschwunden) und Jake, der ein notorischer Langschläfer  und nicht so wahnsinnig effizient ist, was anziehen usw. angeht, wird mit großen Mühen auf den Schulweg gebracht. Von halb neun bis zehn passe ich auf den Kleinen auf, was manchmal anstrengend ist, weil er wie alle Kleinkinder das Talent besitzt, immer genau das zu machen, was er eigentlich nicht machen sollte (Nein, Cuity, rüttel bitte nicht wie ein Wahnsinniger am Fernseher. Nein, es ist keine gute Idee, auf die Wand zu malen. Oder Seiten aus dem Buch zu reißen. Oder Orangen zu zerquetschen, sodass der ganze Boden klebrig wird. Bitte lass noch ein paar Blätter an der armen Zimmerpflanze…). Dann habe ich ein bisschen Freizeit, Jake kommt zum Mittagessen aus der Schule nach Hause und wir essen um ungefähr halb zwölf. Ich hab  immer noch Freizeit, und zwar bis Jake um etwa halb vier aus der Schule kommt. Dann gibt’s anderthalb Stunden Englischunterricht, Abendessen und zwei Stunden Deutschunterricht. Die ganze Familie ist nämlich sehr an Deutschland interessiert und will unbedingt die Sprache lernen und ich denke mir also Unterrichtsstunden aus (ich habe auch ein Deutschbuch, aber es ist nicht sehr gut. Ich meine wenn man anfängt eine Sprache zu lernen, muss man doch nicht unbedingt fünf verschiedene Begrüßungen inklusive „Grüß Gott“ und „Grüezi“ lernen? Geschweige denn die Wörter „Antilope“, „jonglieren“  und Verben wie „aufstehen“, die ja zweigeteilt werden?). Nach dem Unterricht habe ich wieder Zeit für mich, beschließe, früh ins Bett zu gehen und scheitere.

Meine Freizeit verbringe ich damit, Bücher von hohen litera… Okay, ich gebe es zu, meistens bin ich im Internet. Jeden zweiten Tag ziehe ich meine Laufsachen an und jogge dreimal um den Wohnkomplex. Es ist zwar auch ein Park in der Nähe, aber um den zu erreichen, müsste ich die ganze Zeit Straße laufen; außerdem ist eine Runde ums Wohngebiet länger als eine Runde im Park und ein kleiner Abschnitt läuft am Kanal entlang. Neuerdings habe ich auch ein neues Hobby, das ich liebevoll Busroulette getauft habe. Ich setze mich einfach in irgendeinen Bus (ich kann ja hier nichts lesen und hab keine Ahnung, wo ich rauskommen werde) und schau dann, wo ich lande.   Bislang habe ich ein Einkaufszentrum gefunden und mir gleich mehr warme Wintersachen gekauft. Das Busfahren ist nicht teuer, eine Fahrt kostet 2 Yuan, was ungefähr 25 Cent sind.

 

Pfützen und andere furchtbare Dinge

Samstag, 11.01.2014

 

 

Chinesische Kinder tragen keine Windeln. Stattdessen haben sie einfach einen Schlitz in der Hose, hocken sich hin und… und zeigen die Endprodukte der biologisch faszinierenden Verdauungsprozesse unseres Körpers. Lassen der Natur ihren Lauf. Erledigen ihr Geschäft. Machen Pipi und Aa. Na, ihr wisst schon. Normalerweise beobachten die Eltern die Kinder sehr genau und halten sie dann über die Toilette, wenn sie müssen und es funktioniert erstaunlich gut. Es hat viele Vorteile; die Kinder sind schneller stubenrein und im Grunde ist es auch hygienischer (ich meine, wenn ein kleines Kind in die Windel macht und dann mehrere Stunden damit herumläuft, ist es weniger „eklig“ als ein Schlitz in der Hose?).

So, damit ist nun hoffentlich dem Kulturrelativismus (ich möchte an dieser Stelle meinem Philosophielehrer für dieses siebensilbige Wort danken) genüge getan. Wirklich, es macht mir wenig aus, wenn der Kleine mal ein Häufchen auf den Boden macht. Und wenn ich sehe, dass der Kleine zum Pipi machen über den Mülleimer gehalten wird, fische ich eben nichts mehr aus dem selbigen (wie mein Kugelschreiber, der aus Versehen dort hinein fiel, am eigenen Leib erfahren musste. Wenn du das hier liest, oh mein treuer Begleiter: es tut mir leid).Ich habe gelernt, sämtliche Pfützen sehr, sehr sorgfältig zu umgehen und erst zu wischen und dann Fragen zu stellen. 

Nur leider scheine ich entweder das Handbuch für chinesische Kleinkinder ohne Windel nicht gelesen zu haben oder einfach glücklos zu sein, aber ich wurde schon drei Mal angepinkelt. Das ist der Mutter und der Haushälterin in der ganzen Zeit hier noch nicht passiert. Einmal, als ich ihn auf dem Arm getragen hab, einmal einfach so auf mein Bein und einmal bei „Hopppe Hoppe Reiter“. Auch mein Zimmer ist nicht sicher. Letztens kam der kleine Junge rein, als ich gerade auf dem Bett lag. Seine dunklen Augen strahlen vor Heiterkeit, seine Wangen sind rosig und er lacht glucksend. Ich freu mich, dass er so gut gelaunt ist und lache auch. Er pinkelt, immer noch lachend, auf meinen Zimmerboden und schaut mir dabei die ganze Zeit vergnügt ins Gesicht. Ich höre auf zu lachen. Er ist immer noch am Kichern, als ich ihn fluchend zur Toilette trage.

An dieser Stelle sollte gesagt werden, dass in der Wohnung kein Teppich verlegt ist und alles abwischbar ist. Trotzdem. Viel Mitleid bekomme ich nicht von der Familie und das ganze ist so eine Art Running Gag geworden. Es ist höchstens zu fünf Prozent lustig. Vielleicht sieben. Dreißig, maximal. Auf keinen Fall mehr als siebzig...

 

Die Freuden des Analphabetismus

Sonntag, 12.01.2014

 

 

Die chinesische Sprache hat abertausende von Schriftzeichen. Man braucht etwa dreitausend, um die Zeitung lesen zu können. Ich erkenne etwa zwanzig. Ich, Marie, bibliophil und mit dem Orientierungssinn einer Nacktschnecke nach drei Stunden Zentrifuge  gesegnet, bin in einem fremden Land und kann nichts lesen.  

Das wirft viele Probleme auf. Wenn mir jemand ein neues Wort erklärt, schreibt er das Schriftzeichen auf und sagt mir die Aussprache, die ich dann leider sofort wieder vergesse. Pinyin (die phonetische Schreibweise mit dem „normalen“ Alphabet, die zum Glück die meisten Chinesen beherrschen) ist zwar umständlich, hilft aber zum Glück in den meisten Fällen ganz gut. Ich trage immer einen Zettel mit meiner Adresse mit mir herum, falls ich mal verloren gehen sollte. Ich weiß nicht, wohin die Busse fahren. Ich kann den Fernseher nicht bedienen oder den Namen eines Geschäftes lesen und ich weiß verdammt noch mal nicht, ob ich mir jedes Mal Shampoo, Spülung oder Duschgel in die Haare tue.

Zum Glück ist erstaunlich viel sowohl auf Englisch als auch auf Chinesisch geschrieben und ich habe immer grobe  Vorstellungen von den meisten Dingen z.B. im Supermarkt. Die Filme werden zu meiner großen Freude auf Englisch und mit chinesischem Untertitel gesendet, sodass ich vielleicht demnächst einmal ins Kino gehe.

               

 

Alter und Schönheit

Dienstag, 14.01.2014

 

 

„Alle Asiaten sehen gleich aus“, hört man Europäer oft sagen, „ich verstehe gar nicht, wie die sich auseinanderhalten können“.  Und vielleicht- sei es, weil wir an europäische Gesichtszüge gewöhnt sind, oder weil wir sonst nur an einschüchternde Zeitungsfotos von riesigen Menschenmassen oder die absolute Synchronität bei der Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele denken- entsteht so tatsächlich der erste Eindruck des stereotypen Asiaten. Das ist natürlich ein falscher Eindruck. Es gibt große, kleine, dicke und dünne Chinesen; die Popstars und Schauspieler im Fernsehen sehen anders aus als der Straßenverkäufer um die Ecke, der Busfahrer anders als der Onkel, der Verkäufer anders als der Polizist... Ich jedenfalls hatte in meiner Zeit hier noch nie den Eindruck, dass sich zwei Chinesen „zum Verwechseln ähnlich“ sehen. Auf der anderen Seite habe ich gelesen, dass Asiaten oft Probleme haben, Europäer auseinander zu halten.

Wobei ich mich allerdings schon mehrmals verschätzt habe, ist das Alter. Irgendwo hier in China ist der Jungbrunnen versteckt. Ich habe fünf Minuten gebraucht, um mich von dem Schock zu erholen, dass der Sänger im Fernsehen, den ich auf zwischen fünfundzwanzig und dreißig geschätzt hätte, tatsächlich sechzig ist. Sechzig!!!! Der Mann hatte keine einzige Falte (oder die beste Visagistin der Welt…). Gestern gab es ein großes Essen mit der Familie und ich habe mich mit einem Cousin unterhalten, der ein Jahr in Manchester verbracht hatte. Ich hätte ihn für sechzehn, siebzehn, höchstens Anfang zwanzig gehalten, zumindest bis er mir seine dreijährige Tochter vorgestellte hat. Er war, wie sich herausgestellt hat, tatsächlich dreißig. Meine Kinnlade ist hart auf den Boden aufgeschlagen.

Nun ja, es gibt wohl schlimmere Fettnäpfchen, als jemanden zu jung zu schätzen. Aber trotzdem komme ich ins Überlegen, wie alt sehe ich jetzt in chinesischen Augen aus? Anfang dreißig?

 

Todesursache: Erkältung

Mittwoch, 15.01.2014

 

 

Situation 1:Jake hat eine Erkältung und erhöhte Temperatur. Morgens wird er von seinen Eltern ins Krankenhaus gebracht, damit er untersucht wird. Selbstverständlich wird sein Englisch- und Deutschunterricht unterbrochen. Er liegt den ganze Zeit im Bett. Den ganzen Tag (und die ganze Nacht) liegt ein Erwachsener neben ihm. Der neunjährige Junge steht auch nicht zu den Mahlzeiten auf; er wird von der Haushälterin gefüttert. Nach zwei Tagen ist er immer noch nicht hundertprozentig fit  und geht zwei Wochen lang nicht in die Schule.

Situation 2: Die Haushälterin ist erkältet. Damit sie den Kleinen nicht ansteckt, trägt sie schon seit drei Tagen einen Mundschutz.

Situation 3: Vorgestern Morgen hatte Jake Bauchweh und Durchfall, wie mir die Mutter erzählt hat, als ich mich gewundert habe, wo der Junge steckt. Kurz nach dem Frühstück wurde er deswegen wieder ins Krankenhaus gebracht und verbringt den Rest des Tages in einer anderen Wohnung, um den Kleinen nicht anzustecken.

 

Sind eure Augenbrauen an den Haaransatz gewandert oder schon darüber hinaus? Die chinesische Auffassung von Sicherheit ist in deutschen Augen fast schon fanatisch übertrieben und mehr als einmal musste ich skeptisch (und hoffentlich dezent) die Stirn runzeln. Oft habe ich das Bedürfnis, das ganze ein bisschen lockerer angehen zu lassen, aber das könnte mir als unverantwortlich und gefährlich ausgelegt werden. Regenspaziergänge, wildes Herumtoben und Rausgehen bei weniger als acht Grad fallen also flach. Mit einem tiefen Stoßseufzer und einem gemurmelten „Kulturrelativismus“ (schon wieder dieses tolle Wort) füge ich mich also den chinesischen Ansichten und spiele brav in der Wohnung (meistens so witzige Spiele wie „Nein, Kleiner, das ist eine schlechte Idee.“ Tolles Spiel, wirklich. Der, der das Kleinkind spielt, muss möglichst viel Unsinn machen und weinend zur Mutter rennen. Der, der den Babysitter spielt, muss möglichst viel Unsinn und Tränen verhindern. Dieses spannende Spiel ist nichts für schwache Nerven. Es wird nicht um Punkte gespielt, sondern auf Zeit: wenn der Babysitter es schafft, darf er in die nächste Runde. Gute Freizeitbeschäftigung, Spannung und Spaß garantiert. „Spiel des Jahres“ seit Beginn der Homo Sapiens.)Tatsächlich hatte ich einmal schon ein richtig schlechtes Gewissen, als der Kleine sich beim Spielen mit dem Besen selber gehauen hat und eine Schramme davongetragen hat. Anscheinend passe ich mich an…

Wenn eine Erkältung also eine sechs auf der Beaufort Skala (und damit einen starken Wind) der elterlichen Besorgnis darstellt, habe ich aus erster Hand erlebt, was eine 11 (ein orkanartiger Sturm) ist:

Vor gut zwei Wochen lag ich auf dem Bett und habe mal wieder Zeit ins Internet investiert. Plötzlich werden alle Erwachsenen (also die Eltern und die Haushälterin) unglaublich panisch und rennen hysterisch in der Wohnung hin und her, holen Wasser und rufen laut den Namen des kleinen Jungen. Der hatte das Bewusstsein verloren und hing schlaff in den Armen seines Vaters. Natürlich hatte niemand Zeit, mir die Situation zu erklären und als erstes dachte ich, er hätte sich verschluckt oder wäre schlimm gefallen, war aber fest davon überzeugt, dass er in Lebensgefahr schwebt.  Die Schwester hat den Notarzt gerufen. Ich bin zum Computer gelaufen und hab Herz Lungen Wiederbelebung bei Kleinkindern gegoogelt (das läuft bei Babys anders als bei Erwachsenen, da konnte ich mich noch dunkel dran erinnern). Die Erwachsenen haben immer noch den Namen des Jungen gerufen und ihn geschüttelt. Zum Glück ist Cuity dann aufgewacht, er war insgesamt etwa fünf Minuten ohnmächtig. Dann sind alle drei Erwachsenen Richtung Krankenhaus verschwunden. Die Schwester hat mir dann als Erklärung „fever“ gesagt und eine google- Recherche später glaube ich, dass der Kleine einen Fieberkrampf hatte. Das kommt wohl öfters bei Kleinkindern vor und ist größtenteils harmlos. Die Mutter und die Haushälterin haben die nächsten zehn Tage im Krankenhaus gelebt und die Großeltern sind gekommen, um sich um uns zu kümmern.

Die Beaufort-Skala der elterlichen Besorgnis explodiert wahrscheinlich, wenn tatsächlich etwas richtig Schlimmes passiert, aber auch so habe ich einen ziemlichen Schrecken davongetragen.

Natürlich kann ich nicht erwarten, dass alle Eltern so cool und rational bleiben wie meine Mutter, die mir als mein Bruder sich vor zehn Jahren sich eine Gehirnerschütterung in einem spanischen Restaurant zugezogen hat, mir den bewusstlosen Markus mit den Worten „Guck mal Marie, so sieht jemand aus, der ohnmächtig ist“ unter die Nase gehalten hat und so die Wartezeit auf den Krankenwagen damit verkürzt hat, den wissenschaftlichen Horizont ihrer Tochter zu erweitern. Nun ja, bei diesen Nerven aus Stahlseilen hatte sie wahrscheinlich die Wahl zwischen vier Kindern und einem Job als Bombenentschärferin. Sie hat natürlich die Option gewählt, die ihr Verantwortung überträgt, viel Fingerspitzengefühl verlangt und lebensgefährlich ist…

 

Existenzkrisen

Donnerstag, 16.01.2014

 

 

Marie ist die französische Form von Maria und dank der freundlich-sanften Überzeugungsarbeit, die das Christentum im Laufe der Zeit geleistet hat, eigentlich auch international verständlich. Nun, eigentlich. Das ist nur eine Kleinigkeit, wirklich nicht viel. Und das ist ein klitzekleiner Buchstabe: das „r“.

Die chinesische Sprache hat keinen Laut wie unser schön schnurrendes rrrrrrr und dementsprechend haben meine eifrigen Deutschschüler so ihre liebe Not, Wörter wie „rot“ richtig auszusprechen. Meistens kommt dabei so eine Mischung aus einem leicht gewürgten „ch“ und einem anvibrierten „l“ heraus. Trotzdem sind langsam aber sicher Fortschritte zu erkennen und meine kleine Klasse kommt dem „r“ erkennbar nahe, auch wenn einige Wörter wie „Freund“ oder „Lehrer“ ohne eine kleine Nachdenkpause nicht machbar sind. Aber was soll ich urteilen bei all den Zischlauten im Chinesischen, die für mich absolut gleich klingen?

Zurück zu meinem Namensdilemma. Westliche Namen werden ungefähr nach dem Klang ins Chinesische übertragen; die chinesische Entsprechung für Marie ist Mǎ lì (wenn ihr grad nichts zu tun habt: http://www.chinesisch-lernen.org/vornamen, da könnt ihr euren chinesischen Namen nachschlagen).  Mǎ lì werde ich auch von der Haushälterin genannt. Der Vater versucht sich tapfer an einem deutschen „r“, die Mutter bleibt bei „Maria“ mit einem englischen „r“ und die Großmutter umkurvt elegant alle Fettnäpfchen und nennt mich „laoshi“, Lehrerin.

 

Maulkörbchen

Freitag, 17.01.2014

 

 

Das Internet: Galionsfigur unseres Jahrtausends. Dieses großartige Instrument persönlicher Freiheit, Demokratie, Selbstverwirklichung und Datensammlung ist hier zensiert. Was ist? Höre ich über tausende von Kilometern hinweg ein schockiertes Seufzen?

 An dieser Stelle hätte ich normalerweise ein kleines einleitendes Wortspiel mit dem Namen eines berühmten Bloggers angebracht, aber da ich mir nicht hundertprozentig sicher bin, ob nicht irgendein chinesisches Spähprogramm auf Signalwörter anspringt, sag ich besser mal nichts. Aus dem gleichen Grund werde ich auch besser nichts über Tubat schreiben. Oder den Dolar Lomar.

Ihr seht also, das sonst so wild wuchernde Internet ist hier so zurechtgeschnippelt, dass es in einen spießigen chinesischen Vorgarten passt. Metaphorisch gesprochen. Klar gesprochen heißt das, dass weder facebook noch twitter noch youtube funktionieren. Wenn ich versuche, auf die Seiten zu gehen, erscheint ein „Fehler: Verbindung unterbrochen“. Auch einige Suchbegriffe wie z.B. BBC funktionieren nicht.

Ich habe ja kein Twitter  und mein facebook-Account hat schon Staub und Spinnenweben angesetzt, bevor ich überhaupt nach China gereist bin. Am härtesten trifft mich definitiv der Verlust von youtube. Es fühlt sich zwar etwas absurd an, im Jahre 2014 Yahoo video search zu benutzen, aber Not macht ja bekanntlich erfinderisch und ich finde bahnbrechende 20% der Videos, nach denen ich suche.

Was sind die chinesischen Alternativen? Obwohl google es bei uns mit seinem Monopol schon in das Wörterbuch geschafft hat, ist die chinesische Standardsuchmaschine baidu. Anstatt facebook gibt es qq, wo jeder Benutzer eine Nummer hat (so ähnlich wie icq Nummern, falls sich einige noch daran erinnern) und genau wie facebook funktioniert. Diese Seiten sind natürlich komplett auf Chinesisch, also kann ich sie nicht benutzen. Die chinesische Alternative für youtube heißt youku und ist erstaunlicherweise gar nicht so schlecht. Ich habe zwar keine Ahnung, wie man die zwanzig Sekunden Werbung am Anfang überspringt, aber wenn jemand Lust hat, „Sherlock“ legal auf Englisch zu schauen, sollte er mal die Seite ausprobieren (die Serie ist auf Englisch und mit englischen und chinesischen Untertiteln)…

 

Guernica im Wohnzimmer

Samstag, 18.01.2014

 

 

Das Wohnzimmer sah gestern aus wie ein Massaker. Und damit meine ich nicht ein „Cuity hat seiner Energie und Kreativität freien Lauf gelassen“-Massaker, sondern ein tatsächliches Massaker.  Der Vater in ein Dorf in den Berge gefahren, um zwei wildlebende Schweine und eine Ziege abzuholen, die die Familie schon vor Monaten bestellt hat. Wildlebende Tiere schmecken wohl besser und sind gesünder als andere und so ist die Familie auch bereit, einen sehr hohen Preis zu zahlen. Der Vater ist also mit etwa zehn Boxen Fleisch wiedergekommen, das schön im Wohnzimmer zerkleinert und zu großen Teilen eingefroren wurde (eine kleine Kiste mit Innereien steht aber noch in der Küche). Überall standen die Fleischboxen rum, der Boden war von kleinen Blutlachen bedeckt und der Vater und die Haushälterin haben sich in Küchenschürzen geworfen und mit einem ziemlich großen Fleischermesser alles in handliche Portionen geschnitten.

Es klingt ein bisschen grauenhaft, aber es ist zumindest eine sehr ehrliche Art, mit seinem Essen umzugehen. Besser, als  alles in bunten Verpackungen im Supermarkt zu kaufen und dann bei Videos von Schlachthöfen in Ohnmacht zu fallen…. Ich hab also ganz unauffällig „der Boden ist Lava“ gespielt und versucht, den Kleinen von dem rohen Fleisch fernzuhalten (welches anscheinend magnetische Anziehungskräfte für Kleinkinder hat).

 

Die chinesische Sprache

Montag, 20.01.2014

 

 

„Du gehst nach China? Die splechen da aber ganz andels, haha. Sching schang schong.“

 

Ähm, ja. Chinesen haben zwar Schwierigkeiten mit dem „r“ (was Übungssache ist), aber ich versichere euch, dass die chinesische Sprache doch ein wenig komplexer als „Sching Schang Schong“ ist.

In China gibt es viele verschiedene Dialekte, die sich sehr unterscheiden. Die offizielle Sprache ist Mandarin, wie es in Beijing und Umgebung gesprochen wird (und auch in Ningbo). China wird durch die Schriftzeichen geeint, die überall gültig sind; nur werden sie unterschiedlich ausgesprochen. Das Fernsehen ist hier deswegen auch immer chinesisch untertitelt.

 

Die chinesische Grammatik ist einfacher als die englische Grammatik. Ja, wirklich. Verben werden nicht konjugiert oder in verschiedene Zeiten versetzt, man stellte den Satz nicht zu Fragen um; es gibt keine Objekte und Begriffe wie „Akkusativ“, „Dativ“ und „Genitiv“ spuken nur in den Albträumen von Deutschschülern umher.

Ni hao, was soviel heißt wie „Hallo“, heißt wörtlich übersetzt „Du gut“. Wenn ein Chinese fragt, wie es dem Gegenüber geht, fragt er „Ni hao ma“ („Du gut?“ Das ma ist ein Fragepartikel). Der andere antwortet daraufhin „wo hen hao“ (ich sehr gut) oder einfach nur „hao“ (gut). „Ich liebe dich“ heißt auf Chinesisch „wo ai ni“ (ich lieben du).

So weit so gut. Außerdem ist die Sprache sehr logisch und einfach aufgebaut. Um Montag zu sagen, sagt man einfach „Woche eins“, Dienstag ist „Woche zwei“ usw. Das gleiche gilt auch für Monate. Januar ist „Monat eins“, Februar „Monat zwei“. Ein Handy ist eine „Hand Maschine“, der Computer „Strom Gehirn“ und eine Vase „Blume Flasche“.

 

Dann die Aussprache, die schon ein bisschen kniffelig ist. Man kann die Silben auf vier bzw. fünf verschiedene Arten betonen und das Wort hat je nachdem unterschiedliche Bedeutungen. So zum Beispiel „ma“:

1. mā (Mutter): haltet den Ton auf der gleichen Höhe (ein bisschen so, als würdet ihr beim Meditieren „ommmm“ singen).

2. má (Hanf): geht mit der Stimme nach oben wie bei einer Frage

3. mǎ (Pferd): fahrt ein bisschen Achterbahn mit der Stimme; erst nach unten dann nach oben

4. mà (schimpfen): geht mit der Stimme nach unten wie bei einem energischen „Nein“.

5. ma (Fragepartikel): hat keine Betonung und wird ganz kurz gesprochen.

Ein Satz wie „Māma mà má mǎ ma?“ (Schimpft die Mutter das Hanfpferd?) ergibt im Chinesischen also Sinn.

 

Alle Chinesen lernen neben den Schriftzeichen auch  „Pinyin“ in der Schule, die  phonetische Schreibweise mit dem Alphabet, wie ich sie oben aufgeschrieben habe (das mit den komischen Strichen über den Buchstaben. Das andere ist kein Pinyin, weil ich keine Ahnung hab, wie ich die Zeichen mit der Tastatur machen soll und ich zu faul bin, alles per copy und paste zu machen). Chinesen benutzen Pinyin, wenn sie am Computer arbeiten oder Sms schicken (sie tippen dann einfach das Wort in Pinyin ein, das Programm schlägt ihnen dann die entsprechenden Schriftzeichen vor und voilà).  Pinyin ist für mich eine großartige Krücke, ohne die ich wirklich aufgeschmissen wäre, weil die Schriftzeichen ja kaum Hinweise auf die Aussprache geben.

 

Ach ja, die Schriftzeichen. Es gibt so viele und ich kenne so wenige. Einiges ist logisch (das Schriftzeichen für Baum sieht ein bisschen aus wie ein Baum, zwei mal das Schriftzeichen und man hat einen Wald; drei kleine Strichen links stehen für das Wortfeld „Flüssigkeit“ usw.), aber das meiste leider einfach nur unverständlich. Vor einigen Jahrzehnten wurde die chinesische Schrift „vereinfacht“, d.h. die Anzahl von Strichen, aus denen das Schriftzeichen besteht, wurde reduziert. Einerseits ist das zwar praktisch, andererseits ist dadurch viel von der ursprünglichen (und logischen) Bedeutung der Schriftzeichen verloren gegangen. Nicht, dass ich vor der Reform mehr verstanden hätte.

 

Wenn man also die Aussprache gemeistert hat und auf die Schriftzeichen verzichtet, ist Chinesisch dann einfach und man muss nur Vokabeln pauken? Die Antwort ist natürlich nein. Es gibt viele Sprichwörter und Redewendungen, die gelernt werden müssen und mehr Zähleinheitswörter, als mir lieb ist. Zähleinheitswörter sind fiese kleine Sachen und es gibt glaube ich etwa dreihundert von denen. „Eine Serviette“ braucht das Zähleinheitswort für Papier, „ein Stift“ braucht das Zähleinheitswort für „länglicher Gegenstand“ und Marie braucht das Zähleinheitswort für „sehr verwirrt“.

Erschwerend kommt noch hinzu, dass man absolut keine Bezugspunkte hat, auf denen man aufbauen kann. Die ganzen europäischen Sprachen kommen ja aus der gleichen Ecke, da hat man Lehnwörter, ähnliche Strukturen und kulturelle Bezüge, aber hier nix, nada, rien. Man wirft so lange Steine in den Fluss, bis man eine Brücke hat. Es ist auch keine große Ermutigung, wenn meine Gastschwester mir versichert, dass kein Chinese von sich behaupten kann, perfekt chinesisch zu sprechen und zu schreiben.

 

Trotz allem ist es eine sehr interessante Sprache und es macht Spaß, eine neue Blickweise auf die Welt zu entdecken (denn was ist eine Vase etwas anderes als eine „Blume Flasche“? Oder ein Eingang als ein „Mund Tür“?). Die Assoziationen, über die die Wörter gebildet werden, sind erstaunlich und interessant. Und vielleicht belächeln einige, dass das chinesische Wort für essen (chifan) so viel wie „Reis essen“ bedeutet, aber sind wir Deutschen mit unserem „Abend-Brot“ wirklich besser?

 

 Sechs Monate reichen nicht, um chinesisch zu lernen, das war mir schon vorher klar. Mittlerweile bin ich mir nicht sicher, ob ein Jahr reicht und man braucht sicherlich einige davon, um etwas mit den Schriftzeichen anfangen zu können. Das Lernen  geht nur mit wackeligen kleinen Babyschritten voran und ich denke, dass es ein realistisches Ziel ist, nach sechs Monaten einfache Alltagsgespräche zu verstehen- aber immerhin macht es mir Spaß.

 

Der Straßenverkehr

Donnerstag, 23.01.2014

 

 

Ich werte es als einen Erfolg und als Zeichen meiner Anpassung, dass ich nicht mehr das unbewusste Bedürfnis habe, mich an den nächst stehenden Chinesen zu klammern, wenn ich die Straße überquere. Oder mir Mut anzutrinken. Aber chinesische Straßen sind in der Tat beängstigend. Pro Richtung gib es (mindestens) vier Spuren, drei davon für Autos und Busse und eine für das, was mit zwei Rädern rumfährt. Die Fahrspuren werden dabei eher als vorsichtiger Vorschlag denn als Richtlinie gedeutet. Besonders die Motorradfahrer schlängeln sich mich einer Unverfrorenheit durch den Verkehr, die an einen Suizidversuch erinnert. Mein Herzschlag beschleunigt sich immer noch unangenehm, wenn ich an den Motorradfahrer zurückdenke, der den Bus mit circa sechzig Sachen rechts überholt hat, kurz bevor der Busfahrer (den absolut nichts aus der Ruhe bringen kann) abrupt nach rechts auf die Haltestelle zu gelenkt hat.

Wehe dem unglücklichen Wurme, der in dem festen Glauben, die Autos würden halten, über den Zebrastreifen schreitet! Die Busfahrer stoppen manchmal, aber da gibt es ja noch ein paar andere Fahrspuren zu beachten. Vor allem die Motorradfahrer scheinen nicht die Funktion einer Bremse zu kennen; manchmal fahren sie so nah an einem vorbei, dass man die Augenbrauenhaare zählen kann. Nicht das ich das täte; normalerweise bin ich dann damit beschäftigt, mein Leben vor meinem inneren Auge ablaufen zu sehen.

Dadurch, dass es so viele Fahrspuren gibt, sind die Kreuzungen riesig und die Rot- und Grünphasen der Ampeln sehr lang. Oft steht auch noch zur Dekoration ein Verkehrspolizist herum; aber das ist ja kein Hinderungsgrund für unsere wackeren Motorradfahrer, auch bei rot zu fahren.

Es kommt sehr oft zu Staus, aber das liegt nicht nur an den vielen Baustellen sondern einfach auch an der Masse der Menschen. Auch wenn weniger als jeder zehnte ein Auto hat: die Straßen sind hoffnungslos überfüllt. Die Parkplatzsuche ist ein absoluter Albtraum und ich bin wirklich dankbar, dass mein deutscher Führerschein hier nicht gültig ist- ich werde ja schon nervös, wenn das Navi mir sagt, dass ich in zweihundert Metern abbiegen muss- und ich schließe die chinesischen Fahrschüler, die in diesem Chaos ihre Prüfung ablegen müssen, in meine abendlichen Gebete ein. Der chinesische Autofahrer beherrscht zudem den Morsecode, mit dem er dann via Hupe mit anderen Fahrern kommuniziert.

Solange ich keine laute Musik höre und mich panisch alle drei Sekunden umschaue (und zwar in alle Richtungen; einige Motorradfahrer fahren auch mal im Gegenverkehr oder auf dem Bürgersteig) komme ich aber ganz gut zurecht und meine Skrupel, näher als zwei Meter an ein fahrendes Auto zu gehen, habe ich auch sehr schnell überwunden. Ich hoffe bloß für euch, dass ich mich nicht zu gut angepasst habe; schließlich mache ich in ein paar Monaten wieder die deutschen Straßen unsicher…

 

Birkenfalter und Zahnärzte

Freitag, 24.01.2014

 

 

Die chinesische Großstadt. Giftige Dämpfe erfüllen die Luft. Der Smog ist so dicht, dass man nicht mehr die Hand vor den Augen sehen kann. Ab und an tauchen die Scheinwerfer eines Autos aus dem Nebel auf, dieses teuflische Gefährt fährt vorbei und stößt noch mehr Umweltgift aus. Die Chinesen hasten wie eine Armee aus Zahnärzten mit Mundschutz über die Straßen. Wenn man hier Birkenfalter freilässt, werden sie nicht schwarz, sondern fangen an für bessere Arbeitsbedingungen zu streiken.

So oder so ähnlich stellt man sich jede chinesische Stadt vor und bestimmt gilt vieles davon auch für die richtig großen Millionenstädte wie Beijing und Shanghai. Hier in Ningbo (eine kleine Millionenstadt mit nur 7,6 Millionen Einwohnern, die außerdem in der Nähe zum Meer liegt) ist die Luft aber sehr gut. Klar, einige Leute laufen trotzdem noch mit Mundschutz rum, manchmal hat man keine klare Sicht auf die weiter entfernt stehenden Hochhäuser und ein- zwei Mal als ich neben einer dicht befahrenen Straße stand, wollte ich tiefes Einatmen lieber vermeiden, aber von der Smoghölle, die man im Fernsehen sieht, bin ich hier weit entfernt.

 

(Un)Sicherheit im Straßenverkehr

Sonntag, 26.01.2014

 

 

Die Kinder hier sind so dick angezogen, dass sie Probleme haben von alleine aufzustehen. Eine Familie hat keinen Fernseher, um die Augen der Kinder zu schonen. Kinder dürfen nicht mit Wasser spielen. Schüttelt ihr gerade verwundert den Kopf? Die Sicherheit der Kinder nimmt hier komische Formen an und ist die alleroberste Priorität- tja, es sei denn, man beschleunigt die Kinder auf über dreißig km/h und fährt mit ihnen auf die Straße; dann ist es kein Problem, sich über einfache Sicherheitsregeln hinwegzusetzen.

Ich habe hier noch keinen einzigen Kindersitz im Auto gesehen.  Das Kleinkind wird einfach auf den Schoß genommen (darauf angesprochen, hat meine Gastmutter argumentiert, dass es auf dem Rücksitz sicherer ist als vorne. Nun, ich bin zwar kein Physiker, aber so ganz überzeugt mich diese Logik nicht).

Anschnallen ist nicht so wichtig und auch wenn die Straßen streckenweise sehr verstopft sind, gibt es genug Möglichkeiten, über siebzig km/h zu fahren. Das macht dem chinesischen Autofahrer vielleicht Spaß, aber ich versichere euch, dass die Deutsche auf dem Rücksitz bei solchen Gelegenheiten entdeckt, dass sie eine ziemlich morbide Fantasie besitzt und alles in Reichweite anschnallt.

 

Und das sind nur die Autofahrer. Die Motorradfahrer sind ja recht flexibel, was die Verkehrsregeln angeht und der Fahrstil würden jeden deutschen Fahrlehrer ins frühe Grab befördern. Sie tragen keinerlei Schutzkleidung und ich kann die Zahl der Personen, die mit Helm fahren, an meinen Fingern abzählen (und ein Kind mit Helm habe ich noch gar nicht gesehen). Die Kinder werden selbstverständlich auch mit dem Motorrad transportiert. Einmal hab ich einen Vater mit zwei Kindern gesehen; das etwa vierjährige Mädchen stand aufrecht vor dem Vater auf dem Trittbrett des Motorrollers und hat sich mit ihren kurzen Ärmchen am Lenker festgehalten und der sechsjährige Junge saß hinter dem Vater und hat sich gar nicht festgehalten.

 

Ich kann mich immer noch sehr gut an mein erstes (und einziges) Mal auf einem Motorrad erinnern und wie ich während der einstündigen Fahrt in einer beeindruckenden Imitation einer Boa Konstriktor dem armen Fahrer immer mehr die Luft abgeschnürt habe, weil ich mich panisch an ihm festgeklammert habe.  Umso mehr beeindruckt mich die absolute Nonchalance der Chinesen, die hinter dem Rollerfahrer sitzen. Kaum einer hält sich fest (und wenn, dann lasch und halbherzig), einige tippen SMS und letztens habe ich auch einen Schuljungen gesehen, der ein Buch gelesen hat.

 

Graf Zahl

Dienstag, 28.01.2014

 

 

Ein Chinareisender ohne Sprachkenntnisse geht auf den Markt und will Äpfel kaufen. Er verständigt sich mit Handgesten und die Verkäuferin nickt verständnisvoll. Verdutzt stellt der Mann fest, dass er auf einmal die vierfache Menge der gewünschten Äpfel hat. Was hat er falsch gemacht?

Hier in China braucht man praktischer- (oder verwirrender?)-weise nur eine Hand, um bis zehn zu zählen:

1.  yī (was wie „Ihhh“ ausgesprochen wird): der Zeigefinger

2. èr (wie das englische „are“): Zeigefinger und Mittelfinger

3. sān (wie „san“): Zeige- Mittel- und Ringfinger

4. (das „i“ wird sehr kurz und eher wie ein schwaches „e“ gesprochen): Geste wie in Deutschland

5. wǔ (das „w“ ist eher wie das englische „w“): die ganze Hand

6. liù („lio“): jetzt wird’s interessant. Streckt den Daumen und den kleinen Finger weg. Wie bei der Geste für Telefon.

7. qī („tschiii“): Zeige- und Mittelfinger berühren den Daumen

8. bā („baa“): Wie die deutsche zwei, Zeigefinger und Daumen wegstrecken

9. jiǔ („djiau“): Hand ballen, nur der gekrümmte Zeigefinger schaut raus

10. shí („schi“, aber nicht wie der Wintersport, sondern wieder mit einem sehr schwachen „e“ wie in „Frage“): geballte Faust oder man benutzt zwei Hände und kreuzt die Zeigefinger

An einer Hand zu zählen soll ja angeblich den Vorteil haben, instinktiv besser bis zehn rechnen zu können. Das allein ist bestimmt nicht der Grund, dass Asiaten im Ruf stehen, gut in Mathe zu sein. Da kann man sich eher bei strengen Eltern, unzähligen Übungsstunden und dem rigorosen chinesischen Schulsystem bedanken. Bestimmt sind auch nicht alle Chinesen gut in Mathe, aber so gerne ich dieses Klischee hier und jetzt entkräften will: jeder ehrliche Deutsche Mathelehrer würde in ein freudiges Schluchzen ausbrechen, wenn er sähe, wie mühelos der gerade neunjährige Jake mit Brüchen jongliert und Serenas Aufgaben verstehe ich gar nicht mehr (ich zitiere: „Manchmal braucht der Lehrer eine zweite Tafel um die Gleichung komplett anzuschreiben“).

Apropos Zahlen: Letztens hat Jake seinen ersten internationalen Witz gemacht. Er hat mich gefragt: „Do you want some zwei?“ und meinte „Do you want some too?“ Ich glaube, der Junge hat noch eine große Zukunft vor sich…