Von Achterbahnen und verspäteten Ausreisen

Freitag, 08.11.2013

Marie in China 

 

Da saß ich nun, eines verregneten Junitages im Jahre 2013 und starrte auf meinen Computerbildschirm. Ich hatte gerade mein Abitur bestanden und während zehn Prozent meiner Aufmerksamkeit auf ein belangloses Youtube-Video gerichtet waren, beschäftigten sich siebzig Prozent meiner Gehirnleistung mit einer kleinen Existenzkrise, die sich recht gut mit “Was soll ich jetzt mit meinem Leben anfangen????” zusammenfassen lässt. Die übrigen zwanzig Prozent fassten den Entschluss, nach Au Pair Organisationen zu googeln (während die restlichen fünf Prozent immer noch über meine schlechte Matheprüfung grübelten).

 

Da ich noch keinen Führerschein besaß, fiel ein Großteil der Länder aus. Schließlich entdeckte ich auf der Website von AIFS ein sechsmonatiges Au Pair Programm für China, auf das meine erste Reaktion Skepsis, meine zweite “warum nicht?” und meine dritte eine kurze, vorläufige Bewerbung war.

 

Ich hatte keinerlei Bezug zu China, außer einem vagen Bild von Menschenmassen im Smog, einer unterdrückenden Regierung und der Wut, dass mein Tierkreiszeichen ein Schwein war, obwohl ich Hunde so viel cooler fand. Familie, Freunde und Bekannte waren sehr überrascht. Die meisten reagierten mit Unglauben (“Ehrlich???”), mit einer nicht repräsentativen Darstellung asiatischer Stereotype (*macht Schlitzaugen*, kichert und sagt: “sching schang schong”) und skeptischer Bewunderung (“du bist aber mutig”).

 

Den Sommer verbrachte ich mit der sehr ausführlichen Bewerbung. Ich musste zu einem Bewerbungsinterview gehen, Kinderbetreuungsstunden nachweisen, Charakterreferenzen vorzeigen, einen Gastfamilienbrief schreiben, ein polizeiliches Führungs- und ein Gesundheitszeugnis vorlegen und ein Bewerbungsvideo drehen.

 Zum Glück war ich in Besitz von viel Freizeit und einer Mutter mit Faible fürs Videoschneiden. Knapp vor dem Ende der Frist hatte ich alles fertig.

 

Und dann wartete ich. Die Angebote zum Skype-Interview von Gastfamilien gab es leider maximal drei (eher zwei) Wochen vor dem geplanten Ausreisetermin; wenn man genommen wurde, hatte man gerade mal Zeit zur Visumsstelle zu sprinten und dann saß man schon im Flieger.

 

Das Warten war zermürbend. Chinesen wollen lieber Englisch-Muttersprachler. Viele Deutsche hatten sich beworben. Das Au Pair Programm ist neu in China und es gibt nur wenig Interessenten auf asiatischer Seite. Der Ausreisetermin verschob sich Monat um Monat nach hinten.

 

Ich hatte während der dreimonatigen Wartezeit vier Angebote zum Skypen und das hatte ich nur meiner guten Bewerbung zu verdanken-viele Bewerber hatten weniger und einige gar keines.

 

 Kleiner Tipp am Rande: achtet darauf, dass die Skype-Adresse in der Bewerbung mit eurer eigenen Skype-Adresse übereinstimmt. Sonst könnte es rein theoretisch passieren, dass ihr glaubt, von zwei Gastfamilien hintereinander versetzt worden zu sein. Hypothetisch würdet ihr dann einen genervten Brief an die Organisation schreiben, nur um dann kurz darauf euren Irrtum zu bemerken. Dieses peinliche Beispiel ist natürlich vollkommen aus der Luft gegriffen, entbehrt jeder Grundlage und die Autorin hat keine Ahnung, wie sie auf solch abstruse Geschichten kommt.

 

Die Skype-Verbindung des ersten richtigen Interviews war leider etwa so stabil wie ein Kartenhaus bei Windstärke fünf. Da verwundert es wohl niemanden, dass weder ein Gesprächsfluss noch eine Zusage entstanden sind.

 

Das nächste Interview war kurz. Eine Jugendliche stellte mir zehn Minuten lang Fragen und verabschiedete sich mit „Bye“. Das war wohl nichts, dachte ich. Dachte ich falsch, denn am nächsten Tag erfuhr ich am Telefon, dass ich die nächsten sechs Monate in Ningbo (Nähe von Shanghai) verbringen sollte. Die Ausreise sollte in zwei Wochen sein.

 

Während der nächsten zwei (bzw. drei, liebe Grüße an die Visumszentrale in Hamburg) Wochen hatte ich keinen Kontakt mit der Gastfamilie, die nicht auf meine Mails antwortete. Nun gut. Ich zuckte mit den Achseln, dachte etwas, das verblüffende Ähnlichkeit mit „YOLO“ hatte und harrte mit freundlicher Geduld der Dinge, die da kamen…

 

 

Von Achterbahnen und verspäteten Ausreisen 

Hier ist sie: die lange Erklärung, weshalb ihr mich immer noch live und in Farbe in Hamburg bestaunen könnte. Seid gewarnt: ich werde jetzt über Bürokratie schreiben und weil niemand über Bürokratie lesen will, werde ich das ganze in nettem metaphorischem Geschenkpapier verpacken.

 

 

Also: Marie geht in einen Vergnügungspark, der „Visum für China“ heißt. Sie hat zwar nicht so viele Erfahrungsberichte gelesen, aber hey, was kann schon daran so schlimm sein. Sie geht gerne in Vergnügungsparks und kennt sich mit Achterbahnen aus. Marie ist vorbereitet: Sie hat Eintrittsgeld und eine Karte, um sich zurechtzufinden. Sie sucht ein bisschen und findet dann endlich die Achterbahn, die Visa Zentrum Hamburg heißt. Sie gibt das Eintrittsgeld ab und macht es sich bequem.

Sie wundert sich ein bisschen, weshalb sie in den X2-Wagen und nicht in den F-Wagen gesetzt wird, wo sie doch eigentlich in den F-Wagen will und sie protestiert,  aber Wagen ist ja Wagen- oder? Die Achterbahn rattert, es knirscht und ruckelt ein bisschen, aber der X2-Wagen wird langsam nach oben gezogen. „Alles ist normal“, denkt Marie, „ein bisschen schwierig, aber immerhin läuft es“.

Dann plötzlich- der erste Abhang. Das Visazentrum verlangt den Nachweis von Sprachstunden. Marie liefert den Nachweis von Sprachstunden. Mit Schwung geht die Achterbahn wieder ein bisschen rauf. Schnell erkennt Marie, dass es nur ein kleiner Hügel in der Fahrbahn war, denn gleich darauf geht es wieder nach unten. Das Visazentrum verlangt den Nachweis des Sprachlehrers. Marie liefert den Nachweis des Sprachlehrers, inklusive kopierten Pass, kopierten Schulabschluss und Zertifikat. Marie wischte sich einen Schweißtropfen von der Stirn, endlich geht es wieder aufwärts. Zu früh gefreut- nach einer scharfen Kurve geht es wieder steil abwärts und mit ordentlich Schwung in einen Looping. Das Visazentrum will den Nachweis von Sprachstunden.  Eine Kamera steht da und macht ein Bild von Maries verdattertem Gesichtsausdruck.

Marie ist einigermaßen erleichtert, als die chinesische Organisation alles direkt mit dem Visumszentrum abklären will. Sie beruhigt ihr klopfendes Herz und sieht schon wieder die Fahrstrecke ansteigen. Pustekuchen- das war nur eine optische Täuschung und Marie saust schreiend und mit den Armen wedelnd einen steilen Abhang runter. Visumsantrag abgelehnt.

Der Wagen verlangsamt seine Fahrt. Der Direktor der chinesischen Organisation ruft beim Visumszentrum an und will, dass Marie in den F Wagen gesetzt wird, wo sie eigentlich hingehört. Marie kneift die Augen zusammen und hofft, dass doch noch alles gut geht. Natürlich tut es das nicht. Antrag wieder angelehnt. Der Wagen kommt mit quietschenden Bremsen wieder an der Station zum Stehen. Mit wackeligen Beinen und rumorendem Magen steigt Marie aus und hat jetzt die einmalige Gelegenheit, das Foto von ihrem verdatterten Gesicht für viel Geld zu kaufen. Sie verlässt die Achterbahn- vorerst. Denn bald wird sie wieder einsteigen… Diesmal aber in den L-Wagen… TBC…