Todesursache: Erkältung

Mittwoch, 15.01.2014

 

 

Situation 1:Jake hat eine Erkältung und erhöhte Temperatur. Morgens wird er von seinen Eltern ins Krankenhaus gebracht, damit er untersucht wird. Selbstverständlich wird sein Englisch- und Deutschunterricht unterbrochen. Er liegt den ganze Zeit im Bett. Den ganzen Tag (und die ganze Nacht) liegt ein Erwachsener neben ihm. Der neunjährige Junge steht auch nicht zu den Mahlzeiten auf; er wird von der Haushälterin gefüttert. Nach zwei Tagen ist er immer noch nicht hundertprozentig fit  und geht zwei Wochen lang nicht in die Schule.

Situation 2: Die Haushälterin ist erkältet. Damit sie den Kleinen nicht ansteckt, trägt sie schon seit drei Tagen einen Mundschutz.

Situation 3: Vorgestern Morgen hatte Jake Bauchweh und Durchfall, wie mir die Mutter erzählt hat, als ich mich gewundert habe, wo der Junge steckt. Kurz nach dem Frühstück wurde er deswegen wieder ins Krankenhaus gebracht und verbringt den Rest des Tages in einer anderen Wohnung, um den Kleinen nicht anzustecken.

 

Sind eure Augenbrauen an den Haaransatz gewandert oder schon darüber hinaus? Die chinesische Auffassung von Sicherheit ist in deutschen Augen fast schon fanatisch übertrieben und mehr als einmal musste ich skeptisch (und hoffentlich dezent) die Stirn runzeln. Oft habe ich das Bedürfnis, das ganze ein bisschen lockerer angehen zu lassen, aber das könnte mir als unverantwortlich und gefährlich ausgelegt werden. Regenspaziergänge, wildes Herumtoben und Rausgehen bei weniger als acht Grad fallen also flach. Mit einem tiefen Stoßseufzer und einem gemurmelten „Kulturrelativismus“ (schon wieder dieses tolle Wort) füge ich mich also den chinesischen Ansichten und spiele brav in der Wohnung (meistens so witzige Spiele wie „Nein, Kleiner, das ist eine schlechte Idee.“ Tolles Spiel, wirklich. Der, der das Kleinkind spielt, muss möglichst viel Unsinn machen und weinend zur Mutter rennen. Der, der den Babysitter spielt, muss möglichst viel Unsinn und Tränen verhindern. Dieses spannende Spiel ist nichts für schwache Nerven. Es wird nicht um Punkte gespielt, sondern auf Zeit: wenn der Babysitter es schafft, darf er in die nächste Runde. Gute Freizeitbeschäftigung, Spannung und Spaß garantiert. „Spiel des Jahres“ seit Beginn der Homo Sapiens.)Tatsächlich hatte ich einmal schon ein richtig schlechtes Gewissen, als der Kleine sich beim Spielen mit dem Besen selber gehauen hat und eine Schramme davongetragen hat. Anscheinend passe ich mich an…

Wenn eine Erkältung also eine sechs auf der Beaufort Skala (und damit einen starken Wind) der elterlichen Besorgnis darstellt, habe ich aus erster Hand erlebt, was eine 11 (ein orkanartiger Sturm) ist:

Vor gut zwei Wochen lag ich auf dem Bett und habe mal wieder Zeit ins Internet investiert. Plötzlich werden alle Erwachsenen (also die Eltern und die Haushälterin) unglaublich panisch und rennen hysterisch in der Wohnung hin und her, holen Wasser und rufen laut den Namen des kleinen Jungen. Der hatte das Bewusstsein verloren und hing schlaff in den Armen seines Vaters. Natürlich hatte niemand Zeit, mir die Situation zu erklären und als erstes dachte ich, er hätte sich verschluckt oder wäre schlimm gefallen, war aber fest davon überzeugt, dass er in Lebensgefahr schwebt.  Die Schwester hat den Notarzt gerufen. Ich bin zum Computer gelaufen und hab Herz Lungen Wiederbelebung bei Kleinkindern gegoogelt (das läuft bei Babys anders als bei Erwachsenen, da konnte ich mich noch dunkel dran erinnern). Die Erwachsenen haben immer noch den Namen des Jungen gerufen und ihn geschüttelt. Zum Glück ist Cuity dann aufgewacht, er war insgesamt etwa fünf Minuten ohnmächtig. Dann sind alle drei Erwachsenen Richtung Krankenhaus verschwunden. Die Schwester hat mir dann als Erklärung „fever“ gesagt und eine google- Recherche später glaube ich, dass der Kleine einen Fieberkrampf hatte. Das kommt wohl öfters bei Kleinkindern vor und ist größtenteils harmlos. Die Mutter und die Haushälterin haben die nächsten zehn Tage im Krankenhaus gelebt und die Großeltern sind gekommen, um sich um uns zu kümmern.

Die Beaufort-Skala der elterlichen Besorgnis explodiert wahrscheinlich, wenn tatsächlich etwas richtig Schlimmes passiert, aber auch so habe ich einen ziemlichen Schrecken davongetragen.

Natürlich kann ich nicht erwarten, dass alle Eltern so cool und rational bleiben wie meine Mutter, die mir als mein Bruder sich vor zehn Jahren sich eine Gehirnerschütterung in einem spanischen Restaurant zugezogen hat, mir den bewusstlosen Markus mit den Worten „Guck mal Marie, so sieht jemand aus, der ohnmächtig ist“ unter die Nase gehalten hat und so die Wartezeit auf den Krankenwagen damit verkürzt hat, den wissenschaftlichen Horizont ihrer Tochter zu erweitern. Nun ja, bei diesen Nerven aus Stahlseilen hatte sie wahrscheinlich die Wahl zwischen vier Kindern und einem Job als Bombenentschärferin. Sie hat natürlich die Option gewählt, die ihr Verantwortung überträgt, viel Fingerspitzengefühl verlangt und lebensgefährlich ist…