Protokoll eines Absturzes

Sonntag, 13.04.2014

In diesem Blogeintrag werde ich weder eine durchgezechte Partynacht dokumentieren geschweige denn die Wahrheit ueber das vermisste Flugzeug enthuellen, obwohl die Oeffentlichkeit sicherlich an beidem interessiert waere.Wenn man den Titel allerdings im technischen und menschlichen Sinne versteht, dann ist er sicherlich zutreffend.

Samstag,letzte Woche, 11:30

Wie gebannt starrt Marie auf den Bildschirm ihres Computers. Datenstroeme werden hin und her geschickt, Bilder tauchen aus der Tiefsee auf und verschwinden wieder, Videos schwappen traege dahin. Marie laesst sich treiben und surft laessig dahin.

Samstag, 11:45

Langsam wird das lange Sitzen unbequem. Marie beschliesst, etwas komplett anderes zu tun und legt sich mit dem Computer auf das Bett.

Samstag, 12:15

Nach einem kurzen Mittagessen nimmt Marie ihre Ausgangsposition wieder ein. Eine kleine Meldung erscheint am unteren Bilschirmrand: "Akku fast leer". Blind tastet Marie nach dem Stromkabel und steckt es wieder ein.

Samstag, 12:17

Die Meldung blinkt beharrlich weiter. Marie gibt dem Computer einen strengen Blick und steckt das Kabel energischer rein.

Samstag, 12:18

Eine einsame Schweissperle laeuft Maries Stirn hinunter.

Samstag, 12:20

"Mein armes Baby, sei so lieb und iss fein deinen Strom" (begleitet von Singsangstimme und Streicheln); “Jetzt mach hinne du Sch***ding" (begleitet von rhytmischen Faustschlaegen). Marie konstatiert, dass ”Guter Bulle, boeser Bulle“ keinen Effekt auf den Straftaeter hat. Der Balken schrumpft auf die Groesse der Pantoffel eines Pantoffeltierchens.

Samstag, 12:25

Das Akku liegt in den letzten Zuegen. "Komm schon, bleib bei mir!". Wieder und wieder versucht Marie, den Computer mit dem Ladekabel zu verbinden. "Ich glaub an dich!" Keine Reaktion. "Geh nicht in das Licht am Ende des Tunnels!"

Samstag, 12:26

Der Bildschirm wird schwarz und spiegelt verzerrt Maries verzweifeltes Gesicht. Sie starrt in die Leere vor sich und in die Leere in sich und erinnert sich an glueckliche Zeit; Zeiten, in denen froehlich jauchzende Katzenvideos ueber den Bildschirm tobten und der glockenhelle autogetunte Gesang von Popstars aus den Lautsprechern ertoente. Der tote Bildschirm (auf dem jetzt einige Schmutzflecken deutlich erkennbar sind) starrt sie anklagend an. Behutsam klappt Marie den Laptop zu.

Samstag, 13:00

Marie hat saemtliche Trauerstufen durchlaufen und befindet sich mittlerweile in einer Phase der Akzeptanz.

Samstag, 18:00

Die anderen Familienmitglieder haben den Tod bestaetigt. Ohne grosse Zeremonie legt Marie ihren treuen Begleiter im untersten Regal des Schrankes zur Ruhe. ("Wenn wir wieder in Deutschland sind, wirst du repariert", fluestert sie ihr Versprechen).

Diese dramatischen Szenen sind jetzt ueber eine Woche her und noch immer klafft eine Luecke in meinem Herzen und meinem Tagesablauf. Skypen, regelmaessige Blog-Updates und meine Lieblingsserien ade.Ich werde euch vermissen.