Ein blonder Leuchtturm

Freitag, 07.03.2014

 

 

In Ningbo gibt es noch ein anderes Au-Pair Mädchen aus Deutschland, mit dem ich mich regelmäßig treffe. Letztes Wochenende haben wir das gemacht, was zwei Teenager mit genug Geld und absoluter Freiheit in einer fremden Stadt eben tun: wir gingen in den Zoo. Dank des Nieselregens waren nur wenige Chinesen unterwegs, aber eine Gruppe hat gleich Fotos einer besonders exotischen Tierart geschossen: uns.

Anders als im sehr internationalen Shanghai sind Ausländer hier eine Seltenheit und ich werde auf der Straße unverhohlen angestarrt. Autos fahren langsamer, Kleinkinder klammern sich enger an ihre Eltern und es ist nur eine Frage der Zeit, bis ich einen Verkehrsunfall verursache, weil ein Motorradfahrer den Kopf zu lange zu mir hindreht.

In den ersten Wochen fand ich diesen Filmstar-Effekt kurios und auch schmeichelhaft; natürlich wird man oft besser behandelt als der durchschnittliche Chinese (und meine liebe Freundin hat auch schon einen ernstgemeinten Heiratsantrag bekommen), aber die ganze Aufmerksamkeit fällt doch sehr lästig. Gestern wollte ich Teigtaschen kaufen und sämtliche fünf Angestellte im Laden sind für zehn lange Sekunden erstarrt, haben sich hilfesuchend angeschaut und anschließend mit Gesten ausdiskutiert, wer denn zu mir hingehen soll. Ach, die Ironie: Ich wohne auf einem fremden Kontinent in einer Millionenstadt und die Chinesen haben den größeren Kulturschock.

Allgemein sind die Reaktionen auf Ausländer aber sehr positiv und gerade Deutschland genießt einen erfrischend guten Ruf (Autos, Technik, Qualität…)- besser sogar als Amerika. An meinem zweiten Tag hier bin ich in den Park gegangen und wurde von zwei Chinesen nach meiner Nationalität gefragt. Auf mein gestammeltes „de gou ren“ lächelten sie gleich breit, nickten verständnisvoll und nannten mir den Namen der Persönlichkeit, die sie mit Deutschland assoziierten: Karl Marx.