Ein Besuch im Restaurant

Donnerstag, 06.02.2014

 

 

Jäger und Sammler ade, hier kommt die nächste Stufe der Essensversorgung: der Besuch eines chinesischen Restaurants! Wer goldene Plastiklöwen und Krabbenchips erwartet, der wird bitter enttäuscht werden. Überhaupt kann man so einiges falsch machen…

 

Vor allem zur Rush Hour sind die Restaurants oft überfüllt und eine kleine Menschentraube bildet sich um den Eingang. Kein Problem- oft gibt es extra Warteräume und meistens werden den Gästen Nummern zugewiesen. Manchmal gibt es sogar einen extra Automaten zum Nummern ziehen, wobei  ich dann immer nostalgisch in der Erinnerung an deutsche Behörden schwelge.

 

Dann, ungefähr zehn Minuten später, wird man zu seinem Tisch geführt. Der Kellner bringt eine Karte- die ist allerdings auf Papier gedruckt und wird von einem Stift begleitet. Eine Person bestellt dann für die ganze Gruppe und setzt Kreuzchen neben den entsprechenden Gerichten.  Man fühlt sich ja oft von einer zu großen Auswahl überfordert (ein Umstand, der sich bei mir vor allem bei der Wahl eines Studiengangs und in der „Subway“ Schlange äußert) und es ist wirklich nett, die Verantwortung abzugeben und sich nicht durch die chinesischen Schriftzeichen der Speisekarte quälen zu müssen.

 

Zu trinken bestellt man normalerweises nichts- aber Wasser und Tee stehen eh meistens kostenlos zur Verfügung. Die Tischplatten sind fast immer drehbar, sodass man an alle Gerichte problemlos herankommt. Servietten stehen hier nicht so hoch im Kurs und es werden lieber Gesichtstücher gereicht. In einigen Restaurants sind es auch mit lauwarmem Seifenwasser getränkte Handtücher.

 

Nach sehr kurzer Wartezeit (kaum mehr als zehn Minuten) kommen die ersten Gerichte an. Das erste Mal, als ich hungrig in einem Restaurant saß, hab ich mich gleich darauf gestürzt und hab mich an den drei Gerichten satt gegessen- tja, als während der nächsten dreißig Minuten immer mehr Gerichte aufgetragen wurden, die ich dann aus Höflichkeit auch gegessen habe, habe ich das ein wenig bereut. An dem Abend bin ich mit leichter Übelkeit und etwas weiser als zuvor ins Bett gegangen.

 

Wie viele Gerichte bestellt werden, kommt auf den Anlass und die Anzahl der Gäste an. Ich habe mich von spätrömischer Dekadenz durchdrungen gefühlt, als letztens bei einem Abendessen mit der Familie anlässlich des Frühlingsfestes sage und schreibe vierzig Gerichte aufgetragen wurden (der Kellner fängt dann an, die Teller mehr oder weniger stabil übereinander zu stapeln). Dann bekommt man von jedem Gericht nur ein paar Bissen hinunter und ihr könnt euch ja vorstellen, was an Resten übrig bleibt. Manchmal nimmt man die Reste in Boxen mit nach Hause, aber das meiste wird weggeworfen. Wahrscheinlich landet so viel gut schmeckendes Essen in den Mülltonnen der Restaurants, dass ein kleines afrikanisches Land davon ein Jahr leben könnte und überhaupt ist es eine schreckliche Vergeudung.

 

Sobald aufgegessen wurde, verlässt man das Restaurant in einer fast fluchtartigen Geschwindigkeit. Das ist zuerst ein wenig befremdlich, aber eigentlich ganz angenehm (denn das stundenlange Herumsitzen, während meine Gastfamilie auf chinesisch parliert entfällt nämlich- interessante Tätigkeiten wie Gesichter aus Essensresten legen, mit soziologischen Interesse andere Restaurantbesucher zu beobachten und eine mentale Liste der Kellnerinnen geordnet nach ihrer Attraktivität zu erstellen; kurz Tätigkeiten, die sonst jeden Restaurantbesuch versüßen, verlieren nach gewisser Zeit ihren Reiz).

Die Rechnung wird nicht geteilt und oft  streiten sich die Chinesen aus Höflichkeit, wer denn bezahlen darf (aber jeder lädt mal den anderen ein, sodass es insgesamt ausgeglichen ist). Trinkgeld wird keines gegeben.

 

Das Essen schmeckt unglaublich gut und die Chinesen sind energischer als jede deutsche Großmutter, was das „du musst mehr essen“ angeht: jeder Restaurantbesucher, der nicht mit gefühlten zehn Kilo mehr den Essenstempel verlässt, hat etwas falsch gemacht.