Deutschunterricht

Montag, 24.02.2014

 

 

An dieser Stelle möchte ich kurz die absolut wahre Geschichte über die Entstehung der deutschen Sprache anbringen.

Babel. Der Schauplatz: Einige Stockwerke über dem berüchtigten Turm im Himmel (genauer gesagt dritte Kumuluswolke von links). Gott steht mit Schürze in seiner Küche und kocht neue Sprachen. Die chinesische Sprache ist schon fertig, köchelt in dem großen Topf vor sich hin und riecht nach fünf verschiedenen Betonungen. Dort hinten steht Französisch. Gott hat extra viele Buchstaben hinzugegeben, dass ganze dann aber bei minimaler Betonung gekocht.  Gerade nimmt Gott Englisch vom Feuer- besonders stolz ist er auf die drei Löffel willkürliche Aussprache, die er im letzten Schritt als Folge eines Geistesblitzes hinzugegeben hat.

Jetzt nimmt er einen neuen Topf. Er knackt mit seinen Fingern und grinst durchtrieben. Sein neustes Süppchen würde etwas ganz Besonderes werden. Zuerst ein ähnliches Rezept wie Englisch. Er überlegt kurz. Schnell nimmt er den Akkusativ und den Dativ vom Regal und schüttete sie in die heiße Sprache, die bedrohlich zischt. Mit dem Genitiv in der Hand zögert er einen Moment, zuckt dann mit den Achseln und lässt auch ihn in die Brühe fallen. Jetzt läuft Gott zu großer Form auf. Unregelmäßige Verben werden kleingeschnitten und fliegen im hohen Bogen in die Sprache. Dann ein paar durchgeknallte Zeitformen und nicht ein, nicht zwei, sondern drei Artikel. Schließlich noch zwei großzügige Handvoll unregelmäßiger Pluralformen. Gott hält kurz inne und streicht sich gedankenverloren über den weißen Bart. Ach ja! Fast hätte er die seltsame, harte  Aussprache und die Prise Lehnwörter vergessen. Gott nimmt einen Löffel und probiert. Salzig, so wie die Tränen verzweifelter Deutschschüler. Exzellent! Mit einem zufriedenen Lächeln betrachtet Gott sein Werk.

 

Hier Deutsch zu unterrichten ist eine Herausforderung. Und das Wort  „Herausforderung“ ist ein schamloser Euphemismus. Warum? Weil Deutsch zu sprechen und Deutsch zu unterrichten zwei vollkommen verschiedene Dinge sind. Weil die deutsche Grammatik schwerer ist als ein Sumo-Ringer. Weil ich alles auf Englisch unterrichte, was bei Jake sehr wackelig ist und weil das Arbeitsbuch auf eine Klasse von dreizehnjährigen Kindern ausgelegt ist und nicht auf Einzelunterricht mit einem neunjährigen chinesischen Jungen.

 

Eigentlich ist die Begeisterung für die deutsche Sprache in der Familie ja rührend. Der Vater, der die Mängel in der Aussprache durch Lautstärke wettmacht. Die Mutter, die nach meiner zögerlichen Kritik sofort drei neue Arbeitsbücher gekauft hat.  Serena, die zwar eigentlich keine Zeit hat, mit der ich aber in zwei Wochen zwei komplette Arbeitsbücher durchgearbeitet habe. Jake, der eh begeistert dabei ist. Cuity, der ein Wort für Deutsch hat („Rrrr“) und ein Wort auf Deutsch kann: Ball.

 

Im Moment gebe ich nur Jake Deutschstunden und die Mutter greift energisch mir unter die Arme. Klar, es ist hilfreich, wenn jemand noch mal alles auf Chinesisch erklärt. Aber leider treffen da verschiedene Vorstellungen von Lernmethoden aufeinander. Sie ist großer Fan der phonetischen Schreibweise und sieht die Aussprache als erste Grundlage an (während ich finde, dass zusammenhangloses Lernen sinnlos ist). Jetzt liest Jake also stundenlang die gleichen stupiden Wörter vor, während ich mit glasigem Blick daneben sitze und ihn korrigiere. Währenddessen unterstreicht sie seine Fehler, malt Sternchen bei Erfolg und schimpft, wenn er einen Fehler wiederholt. Nach der zehnten Wiederholung ziehen meine Gedanken die Siebenmeilenstiefel an und wandern umher. Habt ihr schon mal über das Wort „Handschuh“ nachgedacht? Schuhe für die Hand. Oder „Unterhemd“? Unter dem Hemd.

Während ich am liebsten Verständnisfragen  stelle, verlangt sie regelmäßig von Jake, aufzustehen und den Text/Dialog auswendig aufzusagen.

 

Aber immer ist die Mutter ja nicht da und meistens schaffe ich es, die Unterrichtsstunden einigermaßen sinnvoll zu füllen. Jakes Deutsch ist mittlerweile besser als mein Chinesisch; ich weiß bloß nicht, ob das ein gutes oder schlechtes Zeichen ist…