Der Straßenverkehr

Donnerstag, 23.01.2014

 

 

Ich werte es als einen Erfolg und als Zeichen meiner Anpassung, dass ich nicht mehr das unbewusste Bedürfnis habe, mich an den nächst stehenden Chinesen zu klammern, wenn ich die Straße überquere. Oder mir Mut anzutrinken. Aber chinesische Straßen sind in der Tat beängstigend. Pro Richtung gib es (mindestens) vier Spuren, drei davon für Autos und Busse und eine für das, was mit zwei Rädern rumfährt. Die Fahrspuren werden dabei eher als vorsichtiger Vorschlag denn als Richtlinie gedeutet. Besonders die Motorradfahrer schlängeln sich mich einer Unverfrorenheit durch den Verkehr, die an einen Suizidversuch erinnert. Mein Herzschlag beschleunigt sich immer noch unangenehm, wenn ich an den Motorradfahrer zurückdenke, der den Bus mit circa sechzig Sachen rechts überholt hat, kurz bevor der Busfahrer (den absolut nichts aus der Ruhe bringen kann) abrupt nach rechts auf die Haltestelle zu gelenkt hat.

Wehe dem unglücklichen Wurme, der in dem festen Glauben, die Autos würden halten, über den Zebrastreifen schreitet! Die Busfahrer stoppen manchmal, aber da gibt es ja noch ein paar andere Fahrspuren zu beachten. Vor allem die Motorradfahrer scheinen nicht die Funktion einer Bremse zu kennen; manchmal fahren sie so nah an einem vorbei, dass man die Augenbrauenhaare zählen kann. Nicht das ich das täte; normalerweise bin ich dann damit beschäftigt, mein Leben vor meinem inneren Auge ablaufen zu sehen.

Dadurch, dass es so viele Fahrspuren gibt, sind die Kreuzungen riesig und die Rot- und Grünphasen der Ampeln sehr lang. Oft steht auch noch zur Dekoration ein Verkehrspolizist herum; aber das ist ja kein Hinderungsgrund für unsere wackeren Motorradfahrer, auch bei rot zu fahren.

Es kommt sehr oft zu Staus, aber das liegt nicht nur an den vielen Baustellen sondern einfach auch an der Masse der Menschen. Auch wenn weniger als jeder zehnte ein Auto hat: die Straßen sind hoffnungslos überfüllt. Die Parkplatzsuche ist ein absoluter Albtraum und ich bin wirklich dankbar, dass mein deutscher Führerschein hier nicht gültig ist- ich werde ja schon nervös, wenn das Navi mir sagt, dass ich in zweihundert Metern abbiegen muss- und ich schließe die chinesischen Fahrschüler, die in diesem Chaos ihre Prüfung ablegen müssen, in meine abendlichen Gebete ein. Der chinesische Autofahrer beherrscht zudem den Morsecode, mit dem er dann via Hupe mit anderen Fahrern kommuniziert.

Solange ich keine laute Musik höre und mich panisch alle drei Sekunden umschaue (und zwar in alle Richtungen; einige Motorradfahrer fahren auch mal im Gegenverkehr oder auf dem Bürgersteig) komme ich aber ganz gut zurecht und meine Skrupel, näher als zwei Meter an ein fahrendes Auto zu gehen, habe ich auch sehr schnell überwunden. Ich hoffe bloß für euch, dass ich mich nicht zu gut angepasst habe; schließlich mache ich in ein paar Monaten wieder die deutschen Straßen unsicher…