Das chinesische Schulsystem

Donnerstag, 22.05.2014


Der deutsche Schueler: eine bemitleidenswerte Kreatur. Seiner goldenen Jugendtage beraubt schmachtet er in stickigen Klassenzimmern dahin. Der helle Klang der Schulglocke bringt nur kurz Erleichterung, denn kaum ist er zu Hause, muss er wie Sysiphos den Hausaufgabenberg bezwingen. Sein Ruecken ist gekruemmt von der Last der Erwartung und sein Haar vor Kummer fast ergraut. Seine Haende zittern vom Schreiben der letzten Klausur und seine Knie zittern in Erwartung der naechsten.
 
Wenn besagter Schueler allerdings ueber den Tellerrand nach Asien schaut, wird er mit seinem eigenen Teller doch ganz zufrieden sein. Was ich damit sagen will? Verglichen mit der chinesischen Schule ist die deutsche Schule ein Wellnessurlaub in der Karibik. Liebe Eltern, spitzt die Ohren und schaerft die Augen, jetzt kommt Material fuer die naechste Auseinandersetzung mit dem lernfaulen Nachwuchs.
 
Die chinesische Schule ist in sechs Jahre Grundschule, drei Jahre "Mittelschule" (middle school) und drei Jahre Highschool aufgeteilt. Am Ende der Highschool steht das knallharte Abschlussexamen, worauf die Kinder waehrend ihrer ganzen Schullaufbahn hinarbeiten und welches ueber die Universitaet entscheidet.

Normalerweise sind es die Eltern, die ueber das Studienfach des Nachwuchses entscheiden. Chinesische Eltern wollen, dass ihre Kinder gut bezahlte Jobs bekommen und die Nachfrage und damit auchdie Konkurrenz um die begrenzten Studienplaetze fuer Aerzte und Ingenieure ist riesig (auf Berufe ausserhalb des naturwissenschaftlichen oder wirtschaftlichen Bereiches wird hinabgesehen). So etwas wie das deutsche Ausbildungssystem gibt es nicht und wer nicht zur Uni geht, kann nur unqualifizierte Jobs ausueben. Vor einigen Jahren haben die besten chinesischen Schueler noch im Ausland studiert, aber in letzter Zeit gab es eine Trendwende und jetzt werden die Schueler, die schlecht im Examen abgeschnitten haben, ins Ausland weggeschickt.
 
Habt ihr euch schon einmal gefragt, weshalb der stereotype Asiate so gut in der Schule ist? Das haengt ganz einfach mit der Zeit zusammen, die ins Lernen investiert wird.
Jake geht in der dritte Klasse. Seine Schule beginnt um zehn vor acht morgens und endet um viertel nach drei. Er hat eine zwanzigminuetige Pause vormittags und zehn Minuten mittags. Der durchschnittliche Schueler in seinem Alter macht anschliessend drei Stunden Hausaufgaben. Die Schule hat absolute Prioritaet fuer die Kinder; so wie es der Job der Eltern ist, Geld zu verdienen, sind die Kinder eben vollkommen damit beschaeftigt, fuer die Schule zu lernen. Natuerlich bleibt da nicht viel Freizeit uebrig. Das typische chinesische Kind sieht seine Freunde eigentlich nur in der Schule. Ich glaube, einer der groessten Schocks fuer Jake war, dass man in Deutschland oefters "einfach mal so" bei Freunden uebernachtet. Das ist hier undenkbar und er hat mich zehn Minuten lang  gefragt, ob wir Deutschen Aliens sind (groesser war nur noch sein Erstaunen, als ich ihm das Prinzip eines FKK-Bades erklaert habe).
 
Jake muss zum Glueck nicht so viele Hausaufgaben machen-ein Privileg, weil er Klassenbester ist-aber ich bekomme trotzdem heftige Gewissensbisse, wenn der Junge aus der Schule kommt, dann mit mir dreieinhalb Stunden Unterricht macht und anschliessend noch bis spaetabends seine Hausaufgaben erledigt.
Ueber Serena muss ich gar nicht erst sprechen. Obwohl es noch ueber ein Jahr hin ist, haengt schon der bedrohliche Schatten des Abschlussexamens ueber ihr. Sie ist Schulbeste, auch wenn sie von sich selbst sagt, dass sie die faulste Schuelerin der Schule ist. Ich wuerde vier Stunden taeglich lernen (am Wochenende acht) nicht unbedingt als "faul" bezeichnen, aber ihre Klassenkameraden lernen wohl irgendwie noch mehr. Vielleicht kann man sich das Schlafen abgewoehnen?
 
Anders als in Deutschland, wo das Lernpensum mit dem Alter koninuierlich ansteigt, hat man in China mit dem Abschlussexamen das Schlimmste ueberstanden. In der Universitaet hat man viel Freiheit und Freizeit (viele Jungs nutzen die Zeit, um von morgens bis abends Computerspiele zu spielen).
 
Aber woher kommt denn eigentlich das enorme Lernpensum? Ein Grund ist natuerlich das Abschlussexamen, das keine flexiblen Lehrplaene zulaesst. Dann ist es aber auch so, dass das chinesische Schulsystem traditionell auf dem Auswendiglernen beruht (schon im alten China gab es die Beamtenpruefung, fuer die man einen Grossteil seines Lebens lernen musste). Die Schueler erlangen ein sehr grosses Faktenwissen, welches staendig abgefragt, aber sehr wenig reflektiert wird.

 Der Leistungsdruck ist gross. Die Schulen konkurrieren untereinander und die Lehrer stehen unter Druck, den sie dann natuerlich an ihre Schueler weiterleiten. Aber auch die ehrgeizigen Eltern  verlangen perfekte Noten von ihren Kindern. Ausser den woechentlichen Tests gibt es auch viele Wettbewerbe, bei denen die Schueler der verschiedenen Schulen gegeneinander antreten.

 Der Unterricht ist natuerlich Frontalunterricht und die einzigen Noten, die zaehlen sind die schriftlichen. Die Autoritaet des Lehrers ist sehr viel groesser als in Deutschland und man wuerde hier nie eine Benotung kritisieren. Die meisten Tests sind Multiple-Choice, was vor allem auf die Kosten des Englischen geht, welches von den Schuelern kaum gesprochen wird. "We learn English for the exams, not for speaking", wie Serena mir erklaert hat und dementsprechend schlecht sind auch die Chancen, von einem Passanten eine Wegbeschreibung auf Englisch zu bekommen (glaubt mir, ich hab's versucht).

Das viele Lernen und die Fleissarbeit kommt vor allem Faechern wie Mathe zu gute, in denen die Kinder deutlich weiter sind als ihre deutschen Altersgenossen. Die chinesische Schule klingt zuerst einmal richtig hart und das ist sie auch. Aber hier ist es eben Normalitaet und auch wenn ich den enormen Leistungsdruck und das reine Auswendiglernen fragwuerdig finde, finde ich doch auch viele positive Seiten: 

- Die Kinder lernen das Lernen. Ein chinesisches Schulkind hat deutlich weniger Probleme mit dem Ueben fuer Arbeiten und lernt fruehzeitig, harte Arbeit mit Erfolg gleichzusetzen. Man kann das Gedaechtnis und die Konzentrationsfaehigkeit wie alles andere auch trainieren. Serena z.B. hat eine enorme Merkfaehigkeit und kann sich locker ueber hundert Vokabeln die Stunde merken. 

-Der objektive Wissensstand ist hoeher. Es ist wirklich erstaunlich, was man mit Uebung erreichen kann. Jake kennt hunderte von Geschichtsdaten, die Flaeche und Einwohnerzahl fast aller Laender und vergleicht mal eben so aus dem Stehgreif das Bruttosozialprodukt von Deutschland und Frankreich. In Mathe jongliert der neunjaehrige Junge mit Bruechen, macht Flaechenberehnung und zieht Wurzeln. Natuerlich ist Jake eher die Ausnahme, aber ein Blick in sein Schulbuch bestaetigt den Trend.

 -Das Lernklima ist positiv. Hier werden sind die besten Schueler hoch angesehen und sind am beliebtesten. Was fuer ein Unterschied zu Deutschland, wo intelligente und hart arbeitende Schueler von ihren Klassenkameraden oft abwertend als "Streber" und hoefliche, angepasste Schueler als  "Schleimer" bezeichnet werden, sodass Schueler es oft kaum wagen, sich im Unterricht zu Wort zu melden oder absichtlich schlechte Noten schreiben. 

Das alles ist natuerlich sehr verallgemeinernd gesagt; aber es lohnt sich auf jeden Fall, das westliche Schulsystem kritisch zu hinterfragen. Ich bin aber sehr, sehr froh in Deutschland zur Schule gegangen zu sein. Der Vergleich mit China (und mein selektives Gedaechtnis) ruecken den deutschen Schulstress in die richtige Perspektive. Ich blicke zaertlich auf die Dreiviertelstunde Hausaufgaben zurueck, die ich machen musste, laechel nostalgisch bei dem Gedanken an ein achtseitiges Dossier und halte die 36 Schulstunden pro Woche fuer das entspannteste, das mir je passiert ist.

Uebrigens kommt hier noch die Vorwarnung, dass sich mein Blog dem Ende zuneigt. Ich werde am 26. Mai, also in vier Tagen, wieder in Deutschland landen. Ein oder zwei Eintraege werden noch folgen, aber dann heisst es: zaijian China, hallo Germania.