Alter und Schönheit

Dienstag, 14.01.2014

 

 

„Alle Asiaten sehen gleich aus“, hört man Europäer oft sagen, „ich verstehe gar nicht, wie die sich auseinanderhalten können“.  Und vielleicht- sei es, weil wir an europäische Gesichtszüge gewöhnt sind, oder weil wir sonst nur an einschüchternde Zeitungsfotos von riesigen Menschenmassen oder die absolute Synchronität bei der Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele denken- entsteht so tatsächlich der erste Eindruck des stereotypen Asiaten. Das ist natürlich ein falscher Eindruck. Es gibt große, kleine, dicke und dünne Chinesen; die Popstars und Schauspieler im Fernsehen sehen anders aus als der Straßenverkäufer um die Ecke, der Busfahrer anders als der Onkel, der Verkäufer anders als der Polizist... Ich jedenfalls hatte in meiner Zeit hier noch nie den Eindruck, dass sich zwei Chinesen „zum Verwechseln ähnlich“ sehen. Auf der anderen Seite habe ich gelesen, dass Asiaten oft Probleme haben, Europäer auseinander zu halten.

Wobei ich mich allerdings schon mehrmals verschätzt habe, ist das Alter. Irgendwo hier in China ist der Jungbrunnen versteckt. Ich habe fünf Minuten gebraucht, um mich von dem Schock zu erholen, dass der Sänger im Fernsehen, den ich auf zwischen fünfundzwanzig und dreißig geschätzt hätte, tatsächlich sechzig ist. Sechzig!!!! Der Mann hatte keine einzige Falte (oder die beste Visagistin der Welt…). Gestern gab es ein großes Essen mit der Familie und ich habe mich mit einem Cousin unterhalten, der ein Jahr in Manchester verbracht hatte. Ich hätte ihn für sechzehn, siebzehn, höchstens Anfang zwanzig gehalten, zumindest bis er mir seine dreijährige Tochter vorgestellte hat. Er war, wie sich herausgestellt hat, tatsächlich dreißig. Meine Kinnlade ist hart auf den Boden aufgeschlagen.

Nun ja, es gibt wohl schlimmere Fettnäpfchen, als jemanden zu jung zu schätzen. Aber trotzdem komme ich ins Überlegen, wie alt sehe ich jetzt in chinesischen Augen aus? Anfang dreißig?