Von Achterbahnen und verspäteten Ausreisen

Freitag, 08.11.2013

Marie in China 

 

Da saß ich nun, eines verregneten Junitages im Jahre 2013 und starrte auf meinen Computerbildschirm. Ich hatte gerade mein Abitur bestanden und während zehn Prozent meiner Aufmerksamkeit auf ein belangloses Youtube-Video gerichtet waren, beschäftigten sich siebzig Prozent meiner Gehirnleistung mit einer kleinen Existenzkrise, die sich recht gut mit “Was soll ich jetzt mit meinem Leben anfangen????” zusammenfassen lässt. Die übrigen zwanzig Prozent fassten den Entschluss, nach Au Pair Organisationen zu googeln (während die restlichen fünf Prozent immer noch über meine schlechte Matheprüfung grübelten).

 

Da ich noch keinen Führerschein besaß, fiel ein Großteil der Länder aus. Schließlich entdeckte ich auf der Website von AIFS ein sechsmonatiges Au Pair Programm für China, auf das meine erste Reaktion Skepsis, meine zweite “warum nicht?” und meine dritte eine kurze, vorläufige Bewerbung war.

 

Ich hatte keinerlei Bezug zu China, außer einem vagen Bild von Menschenmassen im Smog, einer unterdrückenden Regierung und der Wut, dass mein Tierkreiszeichen ein Schwein war, obwohl ich Hunde so viel cooler fand. Familie, Freunde und Bekannte waren sehr überrascht. Die meisten reagierten mit Unglauben (“Ehrlich???”), mit einer nicht repräsentativen Darstellung asiatischer Stereotype (*macht Schlitzaugen*, kichert und sagt: “sching schang schong”) und skeptischer Bewunderung (“du bist aber mutig”).

 

Den Sommer verbrachte ich mit der sehr ausführlichen Bewerbung. Ich musste zu einem Bewerbungsinterview gehen, Kinderbetreuungsstunden nachweisen, Charakterreferenzen vorzeigen, einen Gastfamilienbrief schreiben, ein polizeiliches Führungs- und ein Gesundheitszeugnis vorlegen und ein Bewerbungsvideo drehen.

 Zum Glück war ich in Besitz von viel Freizeit und einer Mutter mit Faible fürs Videoschneiden. Knapp vor dem Ende der Frist hatte ich alles fertig.

 

Und dann wartete ich. Die Angebote zum Skype-Interview von Gastfamilien gab es leider maximal drei (eher zwei) Wochen vor dem geplanten Ausreisetermin; wenn man genommen wurde, hatte man gerade mal Zeit zur Visumsstelle zu sprinten und dann saß man schon im Flieger.

 

Das Warten war zermürbend. Chinesen wollen lieber Englisch-Muttersprachler. Viele Deutsche hatten sich beworben. Das Au Pair Programm ist neu in China und es gibt nur wenig Interessenten auf asiatischer Seite. Der Ausreisetermin verschob sich Monat um Monat nach hinten.

 

Ich hatte während der dreimonatigen Wartezeit vier Angebote zum Skypen und das hatte ich nur meiner guten Bewerbung zu verdanken-viele Bewerber hatten weniger und einige gar keines.

 

 Kleiner Tipp am Rande: achtet darauf, dass die Skype-Adresse in der Bewerbung mit eurer eigenen Skype-Adresse übereinstimmt. Sonst könnte es rein theoretisch passieren, dass ihr glaubt, von zwei Gastfamilien hintereinander versetzt worden zu sein. Hypothetisch würdet ihr dann einen genervten Brief an die Organisation schreiben, nur um dann kurz darauf euren Irrtum zu bemerken. Dieses peinliche Beispiel ist natürlich vollkommen aus der Luft gegriffen, entbehrt jeder Grundlage und die Autorin hat keine Ahnung, wie sie auf solch abstruse Geschichten kommt.

 

Die Skype-Verbindung des ersten richtigen Interviews war leider etwa so stabil wie ein Kartenhaus bei Windstärke fünf. Da verwundert es wohl niemanden, dass weder ein Gesprächsfluss noch eine Zusage entstanden sind.

 

Das nächste Interview war kurz. Eine Jugendliche stellte mir zehn Minuten lang Fragen und verabschiedete sich mit „Bye“. Das war wohl nichts, dachte ich. Dachte ich falsch, denn am nächsten Tag erfuhr ich am Telefon, dass ich die nächsten sechs Monate in Ningbo (Nähe von Shanghai) verbringen sollte. Die Ausreise sollte in zwei Wochen sein.

 

Während der nächsten zwei (bzw. drei, liebe Grüße an die Visumszentrale in Hamburg) Wochen hatte ich keinen Kontakt mit der Gastfamilie, die nicht auf meine Mails antwortete. Nun gut. Ich zuckte mit den Achseln, dachte etwas, das verblüffende Ähnlichkeit mit „YOLO“ hatte und harrte mit freundlicher Geduld der Dinge, die da kamen…

 

 

Von Achterbahnen und verspäteten Ausreisen 

Hier ist sie: die lange Erklärung, weshalb ihr mich immer noch live und in Farbe in Hamburg bestaunen könnte. Seid gewarnt: ich werde jetzt über Bürokratie schreiben und weil niemand über Bürokratie lesen will, werde ich das ganze in nettem metaphorischem Geschenkpapier verpacken.

 

 

Also: Marie geht in einen Vergnügungspark, der „Visum für China“ heißt. Sie hat zwar nicht so viele Erfahrungsberichte gelesen, aber hey, was kann schon daran so schlimm sein. Sie geht gerne in Vergnügungsparks und kennt sich mit Achterbahnen aus. Marie ist vorbereitet: Sie hat Eintrittsgeld und eine Karte, um sich zurechtzufinden. Sie sucht ein bisschen und findet dann endlich die Achterbahn, die Visa Zentrum Hamburg heißt. Sie gibt das Eintrittsgeld ab und macht es sich bequem.

Sie wundert sich ein bisschen, weshalb sie in den X2-Wagen und nicht in den F-Wagen gesetzt wird, wo sie doch eigentlich in den F-Wagen will und sie protestiert,  aber Wagen ist ja Wagen- oder? Die Achterbahn rattert, es knirscht und ruckelt ein bisschen, aber der X2-Wagen wird langsam nach oben gezogen. „Alles ist normal“, denkt Marie, „ein bisschen schwierig, aber immerhin läuft es“.

Dann plötzlich- der erste Abhang. Das Visazentrum verlangt den Nachweis von Sprachstunden. Marie liefert den Nachweis von Sprachstunden. Mit Schwung geht die Achterbahn wieder ein bisschen rauf. Schnell erkennt Marie, dass es nur ein kleiner Hügel in der Fahrbahn war, denn gleich darauf geht es wieder nach unten. Das Visazentrum verlangt den Nachweis des Sprachlehrers. Marie liefert den Nachweis des Sprachlehrers, inklusive kopierten Pass, kopierten Schulabschluss und Zertifikat. Marie wischte sich einen Schweißtropfen von der Stirn, endlich geht es wieder aufwärts. Zu früh gefreut- nach einer scharfen Kurve geht es wieder steil abwärts und mit ordentlich Schwung in einen Looping. Das Visazentrum will den Nachweis von Sprachstunden.  Eine Kamera steht da und macht ein Bild von Maries verdattertem Gesichtsausdruck.

Marie ist einigermaßen erleichtert, als die chinesische Organisation alles direkt mit dem Visumszentrum abklären will. Sie beruhigt ihr klopfendes Herz und sieht schon wieder die Fahrstrecke ansteigen. Pustekuchen- das war nur eine optische Täuschung und Marie saust schreiend und mit den Armen wedelnd einen steilen Abhang runter. Visumsantrag abgelehnt.

Der Wagen verlangsamt seine Fahrt. Der Direktor der chinesischen Organisation ruft beim Visumszentrum an und will, dass Marie in den F Wagen gesetzt wird, wo sie eigentlich hingehört. Marie kneift die Augen zusammen und hofft, dass doch noch alles gut geht. Natürlich tut es das nicht. Antrag wieder angelehnt. Der Wagen kommt mit quietschenden Bremsen wieder an der Station zum Stehen. Mit wackeligen Beinen und rumorendem Magen steigt Marie aus und hat jetzt die einmalige Gelegenheit, das Foto von ihrem verdatterten Gesicht für viel Geld zu kaufen. Sie verlässt die Achterbahn- vorerst. Denn bald wird sie wieder einsteigen… Diesmal aber in den L-Wagen… TBC…

 

Endlich Abreise

Montag, 25.11.2013

 

 

Liebe Leute, endlich ist es soweit. Ein Visumsstempel klebt in meinem Pass, mein Flugticket ist ausgedruckt und meine Koffer zu 70% gepackt, kurz: ich werde morgen nach Ningbo, China fliegen. Zuerst wird es so etwas wie eine kurze Einführung in Hangzhou geben und am Freitag fahre ich dann zu der Gastfamilie. Die Familie hat (erstaunlicherweise) drei Kinder in relativ großen Abständen: ein, zehn und siebzehn Jahre alt. Die älteste Tochter, mit der ich auch das skype-Interview geführt habe, versteht leidlich gut Englisch (zumindest vermute ich das, ihre Fragen waren recht flüssig, aber ob sie meine Antworten verstanden hat…?) Überhaupt sind das meiste eher nur Vermutungen, was die Gastfamilie angeht, denn außer den zehn Minuten Interview hatte ich gar keinen Kontakt- aber ehrlich gesagt bin ich da sehr gelassen. China ahead- ALLONS-Y! :D

PS: Oh und falls auf einmal eine riesige Lücke im Newsfeed auf eurem Facebook klafft und ihr euch verzweifelt fragt, was aus meinen stündlichen Updates geworden ist: endlich habe ich eine gute Ausrede. Facebook ist nämlich (genau wie z.B. youtube) in China zensiert. Tja. Ich bin aber über Mail und Skype zu erreichen.

 

China: Die ersten Tage

Mittwoch, 04.12.2013

 

 

Der Flug

Der Flug war lang und, wenn man meine Körpergröße in Betracht zieht, sehr beengend. In den neuneinhalb Stunden Flug von Frankfurt nach Beijing saß ich eingequetscht zwischen zwei sehr freundlichen Chinesen, die kein Wort Englisch konnten, aber viel gelächelt haben und mir, als die Stewardessen mich übersehen haben, auch mein Frühstück organisiert haben. Am   Flughafen von Beijing angekommen, habe ich mich innerhalb von fünf Minuten verlaufen. Ich hatte  anderthalb Stunden Zeit- aber wenn man bei der Visakontrolle Schlange stehen muss, die verschiedenen Terminals mit Zügen miteinander verbunden sind und man auch noch prompt eine Viertelstunde in der falschen Schlange für den Security Check ansteht, dann sind anderthalb Stunden nicht wirklich viel. Ich habe also in einem flotten Dauerlauftempo und mit wachsender Verzweiflung nach meinem Gate gesucht (und dabei in Gedanken den Wintermantel verflucht, den ich wegen der Gewichtsgrenzen fürs Gepäck an hatte). Endlich, endlich habe ich es dann gefunden (fünf Minuten vor Boarding), nur um festzustellen, dass mein Flug eine Dreiviertelstunde Verspätung hatte. Dezent bin ich dann etwas tiefer in den Sitz gerutscht angesichts der Chinesen, die ich im Vollsprint und mit gekeuchten „Sorrys“ auf der Rolltreppe überholt hatte und die jetzt gemütlich eingetrudelt kamen. Vom Flug von Beijing nach Hangzhou (welches übrigens nicht wie „Handschuh“ ausgesprochen wird, sondern eher wie Handschau bzw. Hanzau) habe ich nicht viel mitgekriegt, denn ich habe geschlafen.

 

Die ersten Tage im Hotel

Ich wurde relativ schnell  vom Flughafen abgeholt und in ein Hotel in Hangzhou gebracht. Der chinesische Verkehr war ein wenig… chaotisch, aber entspricht nicht den Vorstellungen, die ich mir nach dem Lesen von „Kulturschock China“ gemacht habe. Es sind viele Motorradfahrer und Radfahrer unterwegs, es wird viel gehupt, wir stehen eine ganze Weile im Stau und wenn Fußgänger auf der Straße sind, werden sie eben kreativ umfahren. Das Hotel ist ganz okay für europäische Standards. Das Erdgeschoss wird in China grundsätzlich als 1.Stockwerk gezählt, sodass es ein bisschen verwirrend ist. Meine Zimmernummer ist 503 und ich wundere mich über die Abwesenheit von Raum 504, bis mir einfällt, dass die 4 im Chinesischen eine Unglückszahl ist (denn das chinesische Wort für 4, si, ähnelt dem Wort für Tod). Am Abend werde ich von einer Mitarbeiterin der Organisation abgeholt und wir gehen Essen- mein erster Versuch, mit Stäbchen zu essen. Nach kurzer Zeit erbarmt sich ein Kellner und bringt ungefragt eine Gabel. Na ja. Scheint also nicht so professionell zu wirken. Am nächsten Tag gehe ich in das Büro der Organisation, das nur einen Fußmarsch entfernt ist. Es gibt das ein oder andere Einführungsseminar, unterbrochen vom weiteren Rumgestochere mit Stäbchen. Dann, am nächsten Tag, werde ich von der Familie abgeholt...

 

Gastfamilie

Freitag, 20.12.2013

 

 

 

 

 

Entschuldigt bitte die Grabesstille der letzten zwei Wochen, ich musste ganz dringend vier Bände von „A Song of Ice and Fire“ durchlesen, Beschwerden bitte direkt an George R.R. Martin schicken.

 

Also, die Gastfamilie ist toll. Sie besteht aus Mutter, Vater, Serena, Jake, Cuity (natürlich heißen die Kinder nicht wirklich so, aber viele Chinesen suchen sich einen englischen Zweitnamen aus) und der Haushälterin/Nanny, die schon seit neun Jahren in der Familie ist und daher eigentlich auch als Familienmitglied zählt.  Cuity, oder Daye, der Kleine ist wirklich süß und lacht viel. Er liebt Hoppe Hoppe Reiter und Stifte klauen. Mit den geklauten Stiften malt er dann immer alles an und obwohl seine Kritzeleien abstrakten Gemälden in nichts nachstehen, versuche ich zu verhindern, dass er sich auf dem Sofa verewigt. Jake, der neunjährige Junge, ist ruhig, nett und derjenige, den ich in Englisch unterrichte und wahrscheinlich das Kind, mit dem ich am meisten zu tun habe. Jake hat eine Faible fürs Militär und für Geschichtssendungen im Fernsehen. Serena ist die sechszehnjährige Tochter (sechzehnjährig nach unserem Kalender, nach dem chinesischen Kalender ist sie siebzehn- hier zählt man den Geburts- Tag als Geburtstag) und sehr gut in der Schule. Ich sehe nicht sehr viel von ihr, weil sie entweder in der Schule ist und lernt oder in ihrem Zimmer ist und lernt. Sie ist ein bisschen schüchtern, aber sehr nett. Sie ist auch ein Fan von „Sherlock“ (was ein großer Pluspunkt ist) und hat mir beiläufig erzählt, dass sie „Jane Eyre“  und „Krieg und Frieden“ in der Primary School gelesen hat und auf Englisch „The Great Gatsby“ und „Tess of the d’Urbervilles“ und das sie während des Lesens versucht hat, sich hundert Vokabeln die Stunde rauszuschreiben und zu lernen. Ach ja hatte ich erwähnt, dass die auch zeichnet, fotografiert und sich selber Klavier spielen beigebracht hat? Die Mutter ist auch nett und spricht ein bisschen holpriges, aber verständliches Englisch. Der Vater ist Boss irgendeiner Firma und obwohl er von zu Hause aus arbeitet, hängt er ständig am Telefon. Die Haushälterin ist auch sehr nett, obwohl keine großen Gespräche zustande kommen, weil sie kein Wort Englisch spricht und mein Chinesisch sehr stark eingeschränkt ist. (Ich kann kaum mehr als  „Hallo“ und „Danke“ sagen). Eines der ersten Worte, die ich hier gelernt hab, ist das Wort für Essen. Danach das Wort für Bundeskanzler (oder Präsident?), weil gerade Angela Merkel in den Nachrichten gezeigt wurde und danach das Wort für Orange.

 

Unfestliche Festtage

Dienstag, 31.12.2013

 

 

ich hoffe ihr habt alle schöne Weihnachtstage verbracht und viele Geschenke bekommen. Hier in China wird Weihnachten kaum gefeiert, obwohl das Fest unter der jüngeren Generation populärer wird. Eine sonderlich weihhnachtliche Stimmung ist bei mir eigentlich nicht aufgekommen. Trotzdem habe ich viel (und schief) Weihnachtslieder gesungen und Lametta über die Zimmerpflanze geworfen. An Heiligabend ist die ganze Familie dann mit mir Essen gegangen und anschließend sind wir noch auf einem großen öffentlichen Platz mit vielen Weihnachtsdekos. Einige Chinesen hatten sich zur Feier des Tages bunt leuchtende Teufelshörner aufgesetzt, worüber ich ganz laut schmunzeln musste.  

Tja, Neujahr wird hier auch nicht groß gefeiert, also gehe ich jetzt schlafen und wache erst im nächsten Jahr wieder auf (haha, der Witz wird nie alt). Frohes neues Jahr alle zusammen :D

 

Über das chinesische Essen

Dienstag, 07.01.2014

 

 

Bitte erinnert euch an euren letzten Besuch in einem chinesischen Restaurant oder an das letzte Mal mit dem chinesischen Lieferservice zurück.  Ja? Habt ihr alles vor Augen? Den Reis, die Ente, die gebratenen Nudeln, das Schweinefleisch süß-sauer? Gut, dann vergesst, was ihr euch vorgestellt habt. Chinesisches Essen ist anders.

Oder zumindest größtenteils anders. Zu erst einmal die Tischmanieren. Man isst offensichtlich mit Stäbchen, wobei es ein Paar Stäbchen zum auf-den-Teller-legen gibt und jeder ein Paar Essstäbchen hat.  Die Gerichte stehen in mundgerechte Stücke geschnitten in der Mitte des Tisches, die in manchen Fällen auch drehbar ist. In diesem Haushalt kommen immer 5-6 Gerichte auf den Tisch, das meiste davon Gemüse, aber  immer auch Fisch oder Fleisch. Knochen, Schalen und andere ungenießbare Sachen werden neben den Teller auf den Tisch gespuckt. Ein bisschen lauter als in Deutschland geht es schon zu: Schlürfen, Schmatzen und vom Teller das Essen in den Mund schaufeln ist normal.

Ich esse hier verhältnismäßig früher als in Deutschland; Frühstück um Viertel nach sieben, Mittag um kurz vor zwölf und Abendbrot um halb sechs. Alle Mahlzeiten sind warm, d.h. es gibt auch Reis, Fleisch usw. zum Frühstück. In der ersten Woche habe ich noch schmerzlich Kaffee und Müsli vermisst, aber mittlerweile habe ich mich daran gewöhnt.

Was esse ich? Also erst einmal, Reis ist die Grundlage zu so ziemlich allem und wird zu jeder Mahlzeit serviert. Und mit Reis meine ich nicht den gräulichen, groben Reis, den es in Deutschland im Supermarkt gibt, sondern weißen, etwas klebrigen Reis, der hier immer in einem extra Dampfkochtopf gekocht wird und besser schmeckt. Eben weil der Reis etwas klebrig ist, ist es kein Problem, ihn mit Stäbchen zu essen(nach ungefähr zwei Wochen war ich Vollprofi). Das Gemüse ist sehr gut, aber ich habe größtenteils keine Ahnung, was ich esse.  Einmal habe ich „Bohnen“ gegessen, nur um festzustellen, dass es tatsächlich Erbsen  waren und während alle anderen die Erbsen mit den Stäbchen herausgepult haben, habe  ich auf der zähen Schote herumgekaut. Der Fisch kommt hier immer komplett auf den Tisch. Der Kopf des Fisches (der selbstverständlich noch Augen hat) gilt als der beste Teil und macht einen Großteil des Wertes des Fisches aus. Ich kann nicht sagen, dass ich sehr unglücklich bin, wenn der Vater sich diese Delikatesse sichert. Ich (die eigentlich nur Fischstäbchen mag) bin dann meistens damit beschäftigt, Gräten zu suchen (wirklich, die sind überall! Mein Fisch ist vor lauter Herumgestochere praktisch schon Brei und wenn ich ihn dann esse, pieken mich trotzdem immer noch sechs Gräten. Was mache ich falsch?). Fleisch gibt es auch oft, aber da erkenne ich meistens von welchem Tier. Meistens sind noch Knochen dabei, aber die werden dann ja anschließend auf den Tisch gespuckt.

Chinesen haben eine sehr offene und unkomplizierte Einstellung zum Essen. Keines der Kinder hat irgendwann einmal etwas nicht gegessen oder gesagt: „das mag ich nicht“. Was essbar ist, wird gegessen, und wenn es exotisch ist, umso besser. Bislang haben sich meine kulinarischen Abenteuer  sehr in Schach gehalten, aber ich habe immerhin schon Ziege probiert und so eine großes dickes Krabbenviech  (keine Ahnung, was genau es war, aber mir wurde gesagt, dass es eine Spezialität und sehr teuer ist). Vorgestern morgen bei Frühstück habe ich mich sehr erschrocken, weil sich ein Sack, der vor der Küche stand, bewegt hat. In diesem Sack befand sich ein noch lebendes Huhn; ein Zustand der sich wohl zwei Stunden später verändert hat, denn um die Mittagszeit war die Großmutter (die gerade zu Besuch ist) am Gange, das Huhn zuzubereiten und spätestens beim Abendessen, als es Hühnchen gab, war ich mir sicher, dass das Huhn jetzt im Hühnerhimmel weilt (und sein Körper in meinem Magen).

Allgemein ist das Essen deutlich weniger süß, es gibt keinen Nachtisch, zwischen den Mahlzeiten eigentlich nur Obst und nur die gelegentliche Tour zum nahen Supermarkt bewahrt mich vor dem Schokoladen-Entzug. (Gott bewahre, dass ich mich gesund ernähre!).

Obwohl es oft Suppe zu den Mahlzeiten gibt, trinkt man hier kein Wasser nebenbei. Ich und meine Tasse rennen also ständig in die Küche, um Wasser aus der Thermoskanne einzufüllen. Ja, Thermoskanne- hier wird Wasser grundsätzlich warm getrunken. Ich habe schockierte Blicke geerntet, als ich erzählt habe, dass in Deutschland Wasser immer kalt getrunken wird. „Aber das ist doch nicht gut für den Bauch!“. Tja, so unterscheiden sich Meinungen. Aber warmes Wasser schmeckt eigentlich ganz gut, vor allem bei den momentanen Temperaturen  und der Tatsache, dass man das Leitungswasser nicht einfach aus dem Hahn trinken kann.

 

Macklemore und ich

Mittwoch, 08.01.2014

 

 

Oft denke ich mit nicht sehr warmen Gedanken an jenen Mann zurück (wer auch immer das gewesen sein mag), der in einem Gewittersturm aus Geistesblitzen beschlossen hat, dass Südchina keine Heizungen braucht. Ja, ihr habt richtig gelesen. Wir haben hier keine Heizungen (aber in aller Fairness muss gesagt werden, dass einige elektrische Heizöfen herumstehen) und auch in der Wohnung behält man selbstverständlich die Jacke an. Für die Chinesen ist das etwas ganz Normales und nach den ersten paar Tagen Bibbern habe ich mich erstaunlich gut an die Temperaturen drinnen gewöhnt. Ich ziehe morgens immer mindestens drei Lagen an und zusammen mit meinem dicken braunen Daunenmantel lässt sich die Kälte gut ertragen; das letzte Mal in dem beheizten Einkaufszentrum habe ich wie eine Verrückte angefangen zu schwitzen und fand die Luft sehr stickig.

Am härtesten ist es definitiv, aus der Dusche zu kommen und morgens aufzustehen, aber für beides habe ich Strategien entwickelt. Ich dusche einfach so heiß, dass meine Haut ein schönes Rot annimmt und für die nächsten zehn Minuten Wärme abstrahlt; Zeit genug, sich anzuziehen. Meine Taktik, morgens das Bett zu verlassen, ist da schon komplexer. Ich habe nämlich zwei Bettdecken, sodass es richtig schön warm ist im Bett und das Aufstehen wirklich, wirklich schwierig ist.  Zehn widerstrebende Minuten nachdem mein Wecker also das erste Mal geklingelt hat, windet sich eine einzelne tastende Hand aus dem Deckenberg. Zum Glück ist der Kleiderschrank in Reichweite des Bettes, und die  Hand zieht ein paar Klamotten hervor, die dann auch  schnell unter der Bettdecke verschwinden. Die Methode ist ein bisschen umständlich, hat sich aber bewährt.

Aber was rede ich die ganze Zeit von den Nachteilen, die man ohne Heizung hat? Es gibt auch Vorteile! Meinen Wintermantel, den ich vorher etwas groß und sperrig fand, nehme ich gar nicht mehr war, weil wir praktisch miteinander verwachsen sind. Mein Laptop, der normalerweise zum Überhitzen neigt, läuft nach einer Nacht auf der eiskalten Fensterbank besser als je zuvor und ohne die trockene Heizungsluft geht es Haut und Haaren sehr gut und ich habe auch keine rissigen Lippen und davon, wie viel Geld man spart, will ich gar nicht erst reden.

 

Kinderlieder sind gruselig

Donnerstag, 09.01.2014

 

 

Nachdem ich heute zwanzig Mal „Hoppe Hoppe  Reiter“ zu dem kleinen Jungen gesungen habe, hab ich gemerkt, wie verstörend der Text eigentlich ist. Ich meine, „wenn er fällt, dann schreit er/ fällt er in den Graben/fressen ihn die Raben/fällt er in den Sumpf/macht der Reiter Plumps“ ist eigentlich nicht gerade kindgerecht. Der Text gehört definitiv von einer sanften Kinderstimme gesungen an den an den Anfang eines Horrorfilms! Zum Glück verstehen die Chinesen nicht, dass ich von brutalen Toden und Aasfressern singe, sonst würden sie die deutsche Kultur vielleicht ein bisschen kritischer sehen. Na ja, der Kleine liebt es. Wie wärs mit „Hoppe Hoppe Reiter/wenn er fällt, dann erschrickt er/ weil er aber einen Reithelm hatte/landet er wie auf Watte/auch bei einem Fahrradritt/sollten Helme immer mit“. Ein bisschen holprig ist es zugegebenermaßen, aber bei so viel pädagogischen Wert und politischer Korrektheit ist der allgemeine Erfolg gewiss!!!

 

Ein typischer Tag

Freitag, 10.01.2014

 

 

Ich stehe morgens um sieben auf und bereue, dass ich nicht pünktlich ins Bett gegangen bin. Dann gibt es mit der ganzen Familie Frühstück (oder fast der ganzen- Serena ist um diese Zeit schon Richtung Schule verschwunden) und Jake, der ein notorischer Langschläfer  und nicht so wahnsinnig effizient ist, was anziehen usw. angeht, wird mit großen Mühen auf den Schulweg gebracht. Von halb neun bis zehn passe ich auf den Kleinen auf, was manchmal anstrengend ist, weil er wie alle Kleinkinder das Talent besitzt, immer genau das zu machen, was er eigentlich nicht machen sollte (Nein, Cuity, rüttel bitte nicht wie ein Wahnsinniger am Fernseher. Nein, es ist keine gute Idee, auf die Wand zu malen. Oder Seiten aus dem Buch zu reißen. Oder Orangen zu zerquetschen, sodass der ganze Boden klebrig wird. Bitte lass noch ein paar Blätter an der armen Zimmerpflanze…). Dann habe ich ein bisschen Freizeit, Jake kommt zum Mittagessen aus der Schule nach Hause und wir essen um ungefähr halb zwölf. Ich hab  immer noch Freizeit, und zwar bis Jake um etwa halb vier aus der Schule kommt. Dann gibt’s anderthalb Stunden Englischunterricht, Abendessen und zwei Stunden Deutschunterricht. Die ganze Familie ist nämlich sehr an Deutschland interessiert und will unbedingt die Sprache lernen und ich denke mir also Unterrichtsstunden aus (ich habe auch ein Deutschbuch, aber es ist nicht sehr gut. Ich meine wenn man anfängt eine Sprache zu lernen, muss man doch nicht unbedingt fünf verschiedene Begrüßungen inklusive „Grüß Gott“ und „Grüezi“ lernen? Geschweige denn die Wörter „Antilope“, „jonglieren“  und Verben wie „aufstehen“, die ja zweigeteilt werden?). Nach dem Unterricht habe ich wieder Zeit für mich, beschließe, früh ins Bett zu gehen und scheitere.

Meine Freizeit verbringe ich damit, Bücher von hohen litera… Okay, ich gebe es zu, meistens bin ich im Internet. Jeden zweiten Tag ziehe ich meine Laufsachen an und jogge dreimal um den Wohnkomplex. Es ist zwar auch ein Park in der Nähe, aber um den zu erreichen, müsste ich die ganze Zeit Straße laufen; außerdem ist eine Runde ums Wohngebiet länger als eine Runde im Park und ein kleiner Abschnitt läuft am Kanal entlang. Neuerdings habe ich auch ein neues Hobby, das ich liebevoll Busroulette getauft habe. Ich setze mich einfach in irgendeinen Bus (ich kann ja hier nichts lesen und hab keine Ahnung, wo ich rauskommen werde) und schau dann, wo ich lande.   Bislang habe ich ein Einkaufszentrum gefunden und mir gleich mehr warme Wintersachen gekauft. Das Busfahren ist nicht teuer, eine Fahrt kostet 2 Yuan, was ungefähr 25 Cent sind.

 

Pfützen und andere furchtbare Dinge

Samstag, 11.01.2014

 

 

Chinesische Kinder tragen keine Windeln. Stattdessen haben sie einfach einen Schlitz in der Hose, hocken sich hin und… und zeigen die Endprodukte der biologisch faszinierenden Verdauungsprozesse unseres Körpers. Lassen der Natur ihren Lauf. Erledigen ihr Geschäft. Machen Pipi und Aa. Na, ihr wisst schon. Normalerweise beobachten die Eltern die Kinder sehr genau und halten sie dann über die Toilette, wenn sie müssen und es funktioniert erstaunlich gut. Es hat viele Vorteile; die Kinder sind schneller stubenrein und im Grunde ist es auch hygienischer (ich meine, wenn ein kleines Kind in die Windel macht und dann mehrere Stunden damit herumläuft, ist es weniger „eklig“ als ein Schlitz in der Hose?).

So, damit ist nun hoffentlich dem Kulturrelativismus (ich möchte an dieser Stelle meinem Philosophielehrer für dieses siebensilbige Wort danken) genüge getan. Wirklich, es macht mir wenig aus, wenn der Kleine mal ein Häufchen auf den Boden macht. Und wenn ich sehe, dass der Kleine zum Pipi machen über den Mülleimer gehalten wird, fische ich eben nichts mehr aus dem selbigen (wie mein Kugelschreiber, der aus Versehen dort hinein fiel, am eigenen Leib erfahren musste. Wenn du das hier liest, oh mein treuer Begleiter: es tut mir leid).Ich habe gelernt, sämtliche Pfützen sehr, sehr sorgfältig zu umgehen und erst zu wischen und dann Fragen zu stellen. 

Nur leider scheine ich entweder das Handbuch für chinesische Kleinkinder ohne Windel nicht gelesen zu haben oder einfach glücklos zu sein, aber ich wurde schon drei Mal angepinkelt. Das ist der Mutter und der Haushälterin in der ganzen Zeit hier noch nicht passiert. Einmal, als ich ihn auf dem Arm getragen hab, einmal einfach so auf mein Bein und einmal bei „Hopppe Hoppe Reiter“. Auch mein Zimmer ist nicht sicher. Letztens kam der kleine Junge rein, als ich gerade auf dem Bett lag. Seine dunklen Augen strahlen vor Heiterkeit, seine Wangen sind rosig und er lacht glucksend. Ich freu mich, dass er so gut gelaunt ist und lache auch. Er pinkelt, immer noch lachend, auf meinen Zimmerboden und schaut mir dabei die ganze Zeit vergnügt ins Gesicht. Ich höre auf zu lachen. Er ist immer noch am Kichern, als ich ihn fluchend zur Toilette trage.

An dieser Stelle sollte gesagt werden, dass in der Wohnung kein Teppich verlegt ist und alles abwischbar ist. Trotzdem. Viel Mitleid bekomme ich nicht von der Familie und das ganze ist so eine Art Running Gag geworden. Es ist höchstens zu fünf Prozent lustig. Vielleicht sieben. Dreißig, maximal. Auf keinen Fall mehr als siebzig...

 

Die Freuden des Analphabetismus

Sonntag, 12.01.2014

 

 

Die chinesische Sprache hat abertausende von Schriftzeichen. Man braucht etwa dreitausend, um die Zeitung lesen zu können. Ich erkenne etwa zwanzig. Ich, Marie, bibliophil und mit dem Orientierungssinn einer Nacktschnecke nach drei Stunden Zentrifuge  gesegnet, bin in einem fremden Land und kann nichts lesen.  

Das wirft viele Probleme auf. Wenn mir jemand ein neues Wort erklärt, schreibt er das Schriftzeichen auf und sagt mir die Aussprache, die ich dann leider sofort wieder vergesse. Pinyin (die phonetische Schreibweise mit dem „normalen“ Alphabet, die zum Glück die meisten Chinesen beherrschen) ist zwar umständlich, hilft aber zum Glück in den meisten Fällen ganz gut. Ich trage immer einen Zettel mit meiner Adresse mit mir herum, falls ich mal verloren gehen sollte. Ich weiß nicht, wohin die Busse fahren. Ich kann den Fernseher nicht bedienen oder den Namen eines Geschäftes lesen und ich weiß verdammt noch mal nicht, ob ich mir jedes Mal Shampoo, Spülung oder Duschgel in die Haare tue.

Zum Glück ist erstaunlich viel sowohl auf Englisch als auch auf Chinesisch geschrieben und ich habe immer grobe  Vorstellungen von den meisten Dingen z.B. im Supermarkt. Die Filme werden zu meiner großen Freude auf Englisch und mit chinesischem Untertitel gesendet, sodass ich vielleicht demnächst einmal ins Kino gehe.

               

 

Alter und Schönheit

Dienstag, 14.01.2014

 

 

„Alle Asiaten sehen gleich aus“, hört man Europäer oft sagen, „ich verstehe gar nicht, wie die sich auseinanderhalten können“.  Und vielleicht- sei es, weil wir an europäische Gesichtszüge gewöhnt sind, oder weil wir sonst nur an einschüchternde Zeitungsfotos von riesigen Menschenmassen oder die absolute Synchronität bei der Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele denken- entsteht so tatsächlich der erste Eindruck des stereotypen Asiaten. Das ist natürlich ein falscher Eindruck. Es gibt große, kleine, dicke und dünne Chinesen; die Popstars und Schauspieler im Fernsehen sehen anders aus als der Straßenverkäufer um die Ecke, der Busfahrer anders als der Onkel, der Verkäufer anders als der Polizist... Ich jedenfalls hatte in meiner Zeit hier noch nie den Eindruck, dass sich zwei Chinesen „zum Verwechseln ähnlich“ sehen. Auf der anderen Seite habe ich gelesen, dass Asiaten oft Probleme haben, Europäer auseinander zu halten.

Wobei ich mich allerdings schon mehrmals verschätzt habe, ist das Alter. Irgendwo hier in China ist der Jungbrunnen versteckt. Ich habe fünf Minuten gebraucht, um mich von dem Schock zu erholen, dass der Sänger im Fernsehen, den ich auf zwischen fünfundzwanzig und dreißig geschätzt hätte, tatsächlich sechzig ist. Sechzig!!!! Der Mann hatte keine einzige Falte (oder die beste Visagistin der Welt…). Gestern gab es ein großes Essen mit der Familie und ich habe mich mit einem Cousin unterhalten, der ein Jahr in Manchester verbracht hatte. Ich hätte ihn für sechzehn, siebzehn, höchstens Anfang zwanzig gehalten, zumindest bis er mir seine dreijährige Tochter vorgestellte hat. Er war, wie sich herausgestellt hat, tatsächlich dreißig. Meine Kinnlade ist hart auf den Boden aufgeschlagen.

Nun ja, es gibt wohl schlimmere Fettnäpfchen, als jemanden zu jung zu schätzen. Aber trotzdem komme ich ins Überlegen, wie alt sehe ich jetzt in chinesischen Augen aus? Anfang dreißig?

 

Todesursache: Erkältung

Mittwoch, 15.01.2014

 

 

Situation 1:Jake hat eine Erkältung und erhöhte Temperatur. Morgens wird er von seinen Eltern ins Krankenhaus gebracht, damit er untersucht wird. Selbstverständlich wird sein Englisch- und Deutschunterricht unterbrochen. Er liegt den ganze Zeit im Bett. Den ganzen Tag (und die ganze Nacht) liegt ein Erwachsener neben ihm. Der neunjährige Junge steht auch nicht zu den Mahlzeiten auf; er wird von der Haushälterin gefüttert. Nach zwei Tagen ist er immer noch nicht hundertprozentig fit  und geht zwei Wochen lang nicht in die Schule.

Situation 2: Die Haushälterin ist erkältet. Damit sie den Kleinen nicht ansteckt, trägt sie schon seit drei Tagen einen Mundschutz.

Situation 3: Vorgestern Morgen hatte Jake Bauchweh und Durchfall, wie mir die Mutter erzählt hat, als ich mich gewundert habe, wo der Junge steckt. Kurz nach dem Frühstück wurde er deswegen wieder ins Krankenhaus gebracht und verbringt den Rest des Tages in einer anderen Wohnung, um den Kleinen nicht anzustecken.

 

Sind eure Augenbrauen an den Haaransatz gewandert oder schon darüber hinaus? Die chinesische Auffassung von Sicherheit ist in deutschen Augen fast schon fanatisch übertrieben und mehr als einmal musste ich skeptisch (und hoffentlich dezent) die Stirn runzeln. Oft habe ich das Bedürfnis, das ganze ein bisschen lockerer angehen zu lassen, aber das könnte mir als unverantwortlich und gefährlich ausgelegt werden. Regenspaziergänge, wildes Herumtoben und Rausgehen bei weniger als acht Grad fallen also flach. Mit einem tiefen Stoßseufzer und einem gemurmelten „Kulturrelativismus“ (schon wieder dieses tolle Wort) füge ich mich also den chinesischen Ansichten und spiele brav in der Wohnung (meistens so witzige Spiele wie „Nein, Kleiner, das ist eine schlechte Idee.“ Tolles Spiel, wirklich. Der, der das Kleinkind spielt, muss möglichst viel Unsinn machen und weinend zur Mutter rennen. Der, der den Babysitter spielt, muss möglichst viel Unsinn und Tränen verhindern. Dieses spannende Spiel ist nichts für schwache Nerven. Es wird nicht um Punkte gespielt, sondern auf Zeit: wenn der Babysitter es schafft, darf er in die nächste Runde. Gute Freizeitbeschäftigung, Spannung und Spaß garantiert. „Spiel des Jahres“ seit Beginn der Homo Sapiens.)Tatsächlich hatte ich einmal schon ein richtig schlechtes Gewissen, als der Kleine sich beim Spielen mit dem Besen selber gehauen hat und eine Schramme davongetragen hat. Anscheinend passe ich mich an…

Wenn eine Erkältung also eine sechs auf der Beaufort Skala (und damit einen starken Wind) der elterlichen Besorgnis darstellt, habe ich aus erster Hand erlebt, was eine 11 (ein orkanartiger Sturm) ist:

Vor gut zwei Wochen lag ich auf dem Bett und habe mal wieder Zeit ins Internet investiert. Plötzlich werden alle Erwachsenen (also die Eltern und die Haushälterin) unglaublich panisch und rennen hysterisch in der Wohnung hin und her, holen Wasser und rufen laut den Namen des kleinen Jungen. Der hatte das Bewusstsein verloren und hing schlaff in den Armen seines Vaters. Natürlich hatte niemand Zeit, mir die Situation zu erklären und als erstes dachte ich, er hätte sich verschluckt oder wäre schlimm gefallen, war aber fest davon überzeugt, dass er in Lebensgefahr schwebt.  Die Schwester hat den Notarzt gerufen. Ich bin zum Computer gelaufen und hab Herz Lungen Wiederbelebung bei Kleinkindern gegoogelt (das läuft bei Babys anders als bei Erwachsenen, da konnte ich mich noch dunkel dran erinnern). Die Erwachsenen haben immer noch den Namen des Jungen gerufen und ihn geschüttelt. Zum Glück ist Cuity dann aufgewacht, er war insgesamt etwa fünf Minuten ohnmächtig. Dann sind alle drei Erwachsenen Richtung Krankenhaus verschwunden. Die Schwester hat mir dann als Erklärung „fever“ gesagt und eine google- Recherche später glaube ich, dass der Kleine einen Fieberkrampf hatte. Das kommt wohl öfters bei Kleinkindern vor und ist größtenteils harmlos. Die Mutter und die Haushälterin haben die nächsten zehn Tage im Krankenhaus gelebt und die Großeltern sind gekommen, um sich um uns zu kümmern.

Die Beaufort-Skala der elterlichen Besorgnis explodiert wahrscheinlich, wenn tatsächlich etwas richtig Schlimmes passiert, aber auch so habe ich einen ziemlichen Schrecken davongetragen.

Natürlich kann ich nicht erwarten, dass alle Eltern so cool und rational bleiben wie meine Mutter, die mir als mein Bruder sich vor zehn Jahren sich eine Gehirnerschütterung in einem spanischen Restaurant zugezogen hat, mir den bewusstlosen Markus mit den Worten „Guck mal Marie, so sieht jemand aus, der ohnmächtig ist“ unter die Nase gehalten hat und so die Wartezeit auf den Krankenwagen damit verkürzt hat, den wissenschaftlichen Horizont ihrer Tochter zu erweitern. Nun ja, bei diesen Nerven aus Stahlseilen hatte sie wahrscheinlich die Wahl zwischen vier Kindern und einem Job als Bombenentschärferin. Sie hat natürlich die Option gewählt, die ihr Verantwortung überträgt, viel Fingerspitzengefühl verlangt und lebensgefährlich ist…

 

Existenzkrisen

Donnerstag, 16.01.2014

 

 

Marie ist die französische Form von Maria und dank der freundlich-sanften Überzeugungsarbeit, die das Christentum im Laufe der Zeit geleistet hat, eigentlich auch international verständlich. Nun, eigentlich. Das ist nur eine Kleinigkeit, wirklich nicht viel. Und das ist ein klitzekleiner Buchstabe: das „r“.

Die chinesische Sprache hat keinen Laut wie unser schön schnurrendes rrrrrrr und dementsprechend haben meine eifrigen Deutschschüler so ihre liebe Not, Wörter wie „rot“ richtig auszusprechen. Meistens kommt dabei so eine Mischung aus einem leicht gewürgten „ch“ und einem anvibrierten „l“ heraus. Trotzdem sind langsam aber sicher Fortschritte zu erkennen und meine kleine Klasse kommt dem „r“ erkennbar nahe, auch wenn einige Wörter wie „Freund“ oder „Lehrer“ ohne eine kleine Nachdenkpause nicht machbar sind. Aber was soll ich urteilen bei all den Zischlauten im Chinesischen, die für mich absolut gleich klingen?

Zurück zu meinem Namensdilemma. Westliche Namen werden ungefähr nach dem Klang ins Chinesische übertragen; die chinesische Entsprechung für Marie ist Mǎ lì (wenn ihr grad nichts zu tun habt: http://www.chinesisch-lernen.org/vornamen, da könnt ihr euren chinesischen Namen nachschlagen).  Mǎ lì werde ich auch von der Haushälterin genannt. Der Vater versucht sich tapfer an einem deutschen „r“, die Mutter bleibt bei „Maria“ mit einem englischen „r“ und die Großmutter umkurvt elegant alle Fettnäpfchen und nennt mich „laoshi“, Lehrerin.

 

Maulkörbchen

Freitag, 17.01.2014

 

 

Das Internet: Galionsfigur unseres Jahrtausends. Dieses großartige Instrument persönlicher Freiheit, Demokratie, Selbstverwirklichung und Datensammlung ist hier zensiert. Was ist? Höre ich über tausende von Kilometern hinweg ein schockiertes Seufzen?

 An dieser Stelle hätte ich normalerweise ein kleines einleitendes Wortspiel mit dem Namen eines berühmten Bloggers angebracht, aber da ich mir nicht hundertprozentig sicher bin, ob nicht irgendein chinesisches Spähprogramm auf Signalwörter anspringt, sag ich besser mal nichts. Aus dem gleichen Grund werde ich auch besser nichts über Tubat schreiben. Oder den Dolar Lomar.

Ihr seht also, das sonst so wild wuchernde Internet ist hier so zurechtgeschnippelt, dass es in einen spießigen chinesischen Vorgarten passt. Metaphorisch gesprochen. Klar gesprochen heißt das, dass weder facebook noch twitter noch youtube funktionieren. Wenn ich versuche, auf die Seiten zu gehen, erscheint ein „Fehler: Verbindung unterbrochen“. Auch einige Suchbegriffe wie z.B. BBC funktionieren nicht.

Ich habe ja kein Twitter  und mein facebook-Account hat schon Staub und Spinnenweben angesetzt, bevor ich überhaupt nach China gereist bin. Am härtesten trifft mich definitiv der Verlust von youtube. Es fühlt sich zwar etwas absurd an, im Jahre 2014 Yahoo video search zu benutzen, aber Not macht ja bekanntlich erfinderisch und ich finde bahnbrechende 20% der Videos, nach denen ich suche.

Was sind die chinesischen Alternativen? Obwohl google es bei uns mit seinem Monopol schon in das Wörterbuch geschafft hat, ist die chinesische Standardsuchmaschine baidu. Anstatt facebook gibt es qq, wo jeder Benutzer eine Nummer hat (so ähnlich wie icq Nummern, falls sich einige noch daran erinnern) und genau wie facebook funktioniert. Diese Seiten sind natürlich komplett auf Chinesisch, also kann ich sie nicht benutzen. Die chinesische Alternative für youtube heißt youku und ist erstaunlicherweise gar nicht so schlecht. Ich habe zwar keine Ahnung, wie man die zwanzig Sekunden Werbung am Anfang überspringt, aber wenn jemand Lust hat, „Sherlock“ legal auf Englisch zu schauen, sollte er mal die Seite ausprobieren (die Serie ist auf Englisch und mit englischen und chinesischen Untertiteln)…

 

Guernica im Wohnzimmer

Samstag, 18.01.2014

 

 

Das Wohnzimmer sah gestern aus wie ein Massaker. Und damit meine ich nicht ein „Cuity hat seiner Energie und Kreativität freien Lauf gelassen“-Massaker, sondern ein tatsächliches Massaker.  Der Vater in ein Dorf in den Berge gefahren, um zwei wildlebende Schweine und eine Ziege abzuholen, die die Familie schon vor Monaten bestellt hat. Wildlebende Tiere schmecken wohl besser und sind gesünder als andere und so ist die Familie auch bereit, einen sehr hohen Preis zu zahlen. Der Vater ist also mit etwa zehn Boxen Fleisch wiedergekommen, das schön im Wohnzimmer zerkleinert und zu großen Teilen eingefroren wurde (eine kleine Kiste mit Innereien steht aber noch in der Küche). Überall standen die Fleischboxen rum, der Boden war von kleinen Blutlachen bedeckt und der Vater und die Haushälterin haben sich in Küchenschürzen geworfen und mit einem ziemlich großen Fleischermesser alles in handliche Portionen geschnitten.

Es klingt ein bisschen grauenhaft, aber es ist zumindest eine sehr ehrliche Art, mit seinem Essen umzugehen. Besser, als  alles in bunten Verpackungen im Supermarkt zu kaufen und dann bei Videos von Schlachthöfen in Ohnmacht zu fallen…. Ich hab also ganz unauffällig „der Boden ist Lava“ gespielt und versucht, den Kleinen von dem rohen Fleisch fernzuhalten (welches anscheinend magnetische Anziehungskräfte für Kleinkinder hat).

 

Die chinesische Sprache

Montag, 20.01.2014

 

 

„Du gehst nach China? Die splechen da aber ganz andels, haha. Sching schang schong.“

 

Ähm, ja. Chinesen haben zwar Schwierigkeiten mit dem „r“ (was Übungssache ist), aber ich versichere euch, dass die chinesische Sprache doch ein wenig komplexer als „Sching Schang Schong“ ist.

In China gibt es viele verschiedene Dialekte, die sich sehr unterscheiden. Die offizielle Sprache ist Mandarin, wie es in Beijing und Umgebung gesprochen wird (und auch in Ningbo). China wird durch die Schriftzeichen geeint, die überall gültig sind; nur werden sie unterschiedlich ausgesprochen. Das Fernsehen ist hier deswegen auch immer chinesisch untertitelt.

 

Die chinesische Grammatik ist einfacher als die englische Grammatik. Ja, wirklich. Verben werden nicht konjugiert oder in verschiedene Zeiten versetzt, man stellte den Satz nicht zu Fragen um; es gibt keine Objekte und Begriffe wie „Akkusativ“, „Dativ“ und „Genitiv“ spuken nur in den Albträumen von Deutschschülern umher.

Ni hao, was soviel heißt wie „Hallo“, heißt wörtlich übersetzt „Du gut“. Wenn ein Chinese fragt, wie es dem Gegenüber geht, fragt er „Ni hao ma“ („Du gut?“ Das ma ist ein Fragepartikel). Der andere antwortet daraufhin „wo hen hao“ (ich sehr gut) oder einfach nur „hao“ (gut). „Ich liebe dich“ heißt auf Chinesisch „wo ai ni“ (ich lieben du).

So weit so gut. Außerdem ist die Sprache sehr logisch und einfach aufgebaut. Um Montag zu sagen, sagt man einfach „Woche eins“, Dienstag ist „Woche zwei“ usw. Das gleiche gilt auch für Monate. Januar ist „Monat eins“, Februar „Monat zwei“. Ein Handy ist eine „Hand Maschine“, der Computer „Strom Gehirn“ und eine Vase „Blume Flasche“.

 

Dann die Aussprache, die schon ein bisschen kniffelig ist. Man kann die Silben auf vier bzw. fünf verschiedene Arten betonen und das Wort hat je nachdem unterschiedliche Bedeutungen. So zum Beispiel „ma“:

1. mā (Mutter): haltet den Ton auf der gleichen Höhe (ein bisschen so, als würdet ihr beim Meditieren „ommmm“ singen).

2. má (Hanf): geht mit der Stimme nach oben wie bei einer Frage

3. mǎ (Pferd): fahrt ein bisschen Achterbahn mit der Stimme; erst nach unten dann nach oben

4. mà (schimpfen): geht mit der Stimme nach unten wie bei einem energischen „Nein“.

5. ma (Fragepartikel): hat keine Betonung und wird ganz kurz gesprochen.

Ein Satz wie „Māma mà má mǎ ma?“ (Schimpft die Mutter das Hanfpferd?) ergibt im Chinesischen also Sinn.

 

Alle Chinesen lernen neben den Schriftzeichen auch  „Pinyin“ in der Schule, die  phonetische Schreibweise mit dem Alphabet, wie ich sie oben aufgeschrieben habe (das mit den komischen Strichen über den Buchstaben. Das andere ist kein Pinyin, weil ich keine Ahnung hab, wie ich die Zeichen mit der Tastatur machen soll und ich zu faul bin, alles per copy und paste zu machen). Chinesen benutzen Pinyin, wenn sie am Computer arbeiten oder Sms schicken (sie tippen dann einfach das Wort in Pinyin ein, das Programm schlägt ihnen dann die entsprechenden Schriftzeichen vor und voilà).  Pinyin ist für mich eine großartige Krücke, ohne die ich wirklich aufgeschmissen wäre, weil die Schriftzeichen ja kaum Hinweise auf die Aussprache geben.

 

Ach ja, die Schriftzeichen. Es gibt so viele und ich kenne so wenige. Einiges ist logisch (das Schriftzeichen für Baum sieht ein bisschen aus wie ein Baum, zwei mal das Schriftzeichen und man hat einen Wald; drei kleine Strichen links stehen für das Wortfeld „Flüssigkeit“ usw.), aber das meiste leider einfach nur unverständlich. Vor einigen Jahrzehnten wurde die chinesische Schrift „vereinfacht“, d.h. die Anzahl von Strichen, aus denen das Schriftzeichen besteht, wurde reduziert. Einerseits ist das zwar praktisch, andererseits ist dadurch viel von der ursprünglichen (und logischen) Bedeutung der Schriftzeichen verloren gegangen. Nicht, dass ich vor der Reform mehr verstanden hätte.

 

Wenn man also die Aussprache gemeistert hat und auf die Schriftzeichen verzichtet, ist Chinesisch dann einfach und man muss nur Vokabeln pauken? Die Antwort ist natürlich nein. Es gibt viele Sprichwörter und Redewendungen, die gelernt werden müssen und mehr Zähleinheitswörter, als mir lieb ist. Zähleinheitswörter sind fiese kleine Sachen und es gibt glaube ich etwa dreihundert von denen. „Eine Serviette“ braucht das Zähleinheitswort für Papier, „ein Stift“ braucht das Zähleinheitswort für „länglicher Gegenstand“ und Marie braucht das Zähleinheitswort für „sehr verwirrt“.

Erschwerend kommt noch hinzu, dass man absolut keine Bezugspunkte hat, auf denen man aufbauen kann. Die ganzen europäischen Sprachen kommen ja aus der gleichen Ecke, da hat man Lehnwörter, ähnliche Strukturen und kulturelle Bezüge, aber hier nix, nada, rien. Man wirft so lange Steine in den Fluss, bis man eine Brücke hat. Es ist auch keine große Ermutigung, wenn meine Gastschwester mir versichert, dass kein Chinese von sich behaupten kann, perfekt chinesisch zu sprechen und zu schreiben.

 

Trotz allem ist es eine sehr interessante Sprache und es macht Spaß, eine neue Blickweise auf die Welt zu entdecken (denn was ist eine Vase etwas anderes als eine „Blume Flasche“? Oder ein Eingang als ein „Mund Tür“?). Die Assoziationen, über die die Wörter gebildet werden, sind erstaunlich und interessant. Und vielleicht belächeln einige, dass das chinesische Wort für essen (chifan) so viel wie „Reis essen“ bedeutet, aber sind wir Deutschen mit unserem „Abend-Brot“ wirklich besser?

 

 Sechs Monate reichen nicht, um chinesisch zu lernen, das war mir schon vorher klar. Mittlerweile bin ich mir nicht sicher, ob ein Jahr reicht und man braucht sicherlich einige davon, um etwas mit den Schriftzeichen anfangen zu können. Das Lernen  geht nur mit wackeligen kleinen Babyschritten voran und ich denke, dass es ein realistisches Ziel ist, nach sechs Monaten einfache Alltagsgespräche zu verstehen- aber immerhin macht es mir Spaß.

 

Der Straßenverkehr

Donnerstag, 23.01.2014

 

 

Ich werte es als einen Erfolg und als Zeichen meiner Anpassung, dass ich nicht mehr das unbewusste Bedürfnis habe, mich an den nächst stehenden Chinesen zu klammern, wenn ich die Straße überquere. Oder mir Mut anzutrinken. Aber chinesische Straßen sind in der Tat beängstigend. Pro Richtung gib es (mindestens) vier Spuren, drei davon für Autos und Busse und eine für das, was mit zwei Rädern rumfährt. Die Fahrspuren werden dabei eher als vorsichtiger Vorschlag denn als Richtlinie gedeutet. Besonders die Motorradfahrer schlängeln sich mich einer Unverfrorenheit durch den Verkehr, die an einen Suizidversuch erinnert. Mein Herzschlag beschleunigt sich immer noch unangenehm, wenn ich an den Motorradfahrer zurückdenke, der den Bus mit circa sechzig Sachen rechts überholt hat, kurz bevor der Busfahrer (den absolut nichts aus der Ruhe bringen kann) abrupt nach rechts auf die Haltestelle zu gelenkt hat.

Wehe dem unglücklichen Wurme, der in dem festen Glauben, die Autos würden halten, über den Zebrastreifen schreitet! Die Busfahrer stoppen manchmal, aber da gibt es ja noch ein paar andere Fahrspuren zu beachten. Vor allem die Motorradfahrer scheinen nicht die Funktion einer Bremse zu kennen; manchmal fahren sie so nah an einem vorbei, dass man die Augenbrauenhaare zählen kann. Nicht das ich das täte; normalerweise bin ich dann damit beschäftigt, mein Leben vor meinem inneren Auge ablaufen zu sehen.

Dadurch, dass es so viele Fahrspuren gibt, sind die Kreuzungen riesig und die Rot- und Grünphasen der Ampeln sehr lang. Oft steht auch noch zur Dekoration ein Verkehrspolizist herum; aber das ist ja kein Hinderungsgrund für unsere wackeren Motorradfahrer, auch bei rot zu fahren.

Es kommt sehr oft zu Staus, aber das liegt nicht nur an den vielen Baustellen sondern einfach auch an der Masse der Menschen. Auch wenn weniger als jeder zehnte ein Auto hat: die Straßen sind hoffnungslos überfüllt. Die Parkplatzsuche ist ein absoluter Albtraum und ich bin wirklich dankbar, dass mein deutscher Führerschein hier nicht gültig ist- ich werde ja schon nervös, wenn das Navi mir sagt, dass ich in zweihundert Metern abbiegen muss- und ich schließe die chinesischen Fahrschüler, die in diesem Chaos ihre Prüfung ablegen müssen, in meine abendlichen Gebete ein. Der chinesische Autofahrer beherrscht zudem den Morsecode, mit dem er dann via Hupe mit anderen Fahrern kommuniziert.

Solange ich keine laute Musik höre und mich panisch alle drei Sekunden umschaue (und zwar in alle Richtungen; einige Motorradfahrer fahren auch mal im Gegenverkehr oder auf dem Bürgersteig) komme ich aber ganz gut zurecht und meine Skrupel, näher als zwei Meter an ein fahrendes Auto zu gehen, habe ich auch sehr schnell überwunden. Ich hoffe bloß für euch, dass ich mich nicht zu gut angepasst habe; schließlich mache ich in ein paar Monaten wieder die deutschen Straßen unsicher…

 

Birkenfalter und Zahnärzte

Freitag, 24.01.2014

 

 

Die chinesische Großstadt. Giftige Dämpfe erfüllen die Luft. Der Smog ist so dicht, dass man nicht mehr die Hand vor den Augen sehen kann. Ab und an tauchen die Scheinwerfer eines Autos aus dem Nebel auf, dieses teuflische Gefährt fährt vorbei und stößt noch mehr Umweltgift aus. Die Chinesen hasten wie eine Armee aus Zahnärzten mit Mundschutz über die Straßen. Wenn man hier Birkenfalter freilässt, werden sie nicht schwarz, sondern fangen an für bessere Arbeitsbedingungen zu streiken.

So oder so ähnlich stellt man sich jede chinesische Stadt vor und bestimmt gilt vieles davon auch für die richtig großen Millionenstädte wie Beijing und Shanghai. Hier in Ningbo (eine kleine Millionenstadt mit nur 7,6 Millionen Einwohnern, die außerdem in der Nähe zum Meer liegt) ist die Luft aber sehr gut. Klar, einige Leute laufen trotzdem noch mit Mundschutz rum, manchmal hat man keine klare Sicht auf die weiter entfernt stehenden Hochhäuser und ein- zwei Mal als ich neben einer dicht befahrenen Straße stand, wollte ich tiefes Einatmen lieber vermeiden, aber von der Smoghölle, die man im Fernsehen sieht, bin ich hier weit entfernt.

 

(Un)Sicherheit im Straßenverkehr

Sonntag, 26.01.2014

 

 

Die Kinder hier sind so dick angezogen, dass sie Probleme haben von alleine aufzustehen. Eine Familie hat keinen Fernseher, um die Augen der Kinder zu schonen. Kinder dürfen nicht mit Wasser spielen. Schüttelt ihr gerade verwundert den Kopf? Die Sicherheit der Kinder nimmt hier komische Formen an und ist die alleroberste Priorität- tja, es sei denn, man beschleunigt die Kinder auf über dreißig km/h und fährt mit ihnen auf die Straße; dann ist es kein Problem, sich über einfache Sicherheitsregeln hinwegzusetzen.

Ich habe hier noch keinen einzigen Kindersitz im Auto gesehen.  Das Kleinkind wird einfach auf den Schoß genommen (darauf angesprochen, hat meine Gastmutter argumentiert, dass es auf dem Rücksitz sicherer ist als vorne. Nun, ich bin zwar kein Physiker, aber so ganz überzeugt mich diese Logik nicht).

Anschnallen ist nicht so wichtig und auch wenn die Straßen streckenweise sehr verstopft sind, gibt es genug Möglichkeiten, über siebzig km/h zu fahren. Das macht dem chinesischen Autofahrer vielleicht Spaß, aber ich versichere euch, dass die Deutsche auf dem Rücksitz bei solchen Gelegenheiten entdeckt, dass sie eine ziemlich morbide Fantasie besitzt und alles in Reichweite anschnallt.

 

Und das sind nur die Autofahrer. Die Motorradfahrer sind ja recht flexibel, was die Verkehrsregeln angeht und der Fahrstil würden jeden deutschen Fahrlehrer ins frühe Grab befördern. Sie tragen keinerlei Schutzkleidung und ich kann die Zahl der Personen, die mit Helm fahren, an meinen Fingern abzählen (und ein Kind mit Helm habe ich noch gar nicht gesehen). Die Kinder werden selbstverständlich auch mit dem Motorrad transportiert. Einmal hab ich einen Vater mit zwei Kindern gesehen; das etwa vierjährige Mädchen stand aufrecht vor dem Vater auf dem Trittbrett des Motorrollers und hat sich mit ihren kurzen Ärmchen am Lenker festgehalten und der sechsjährige Junge saß hinter dem Vater und hat sich gar nicht festgehalten.

 

Ich kann mich immer noch sehr gut an mein erstes (und einziges) Mal auf einem Motorrad erinnern und wie ich während der einstündigen Fahrt in einer beeindruckenden Imitation einer Boa Konstriktor dem armen Fahrer immer mehr die Luft abgeschnürt habe, weil ich mich panisch an ihm festgeklammert habe.  Umso mehr beeindruckt mich die absolute Nonchalance der Chinesen, die hinter dem Rollerfahrer sitzen. Kaum einer hält sich fest (und wenn, dann lasch und halbherzig), einige tippen SMS und letztens habe ich auch einen Schuljungen gesehen, der ein Buch gelesen hat.

 

Graf Zahl

Dienstag, 28.01.2014

 

 

Ein Chinareisender ohne Sprachkenntnisse geht auf den Markt und will Äpfel kaufen. Er verständigt sich mit Handgesten und die Verkäuferin nickt verständnisvoll. Verdutzt stellt der Mann fest, dass er auf einmal die vierfache Menge der gewünschten Äpfel hat. Was hat er falsch gemacht?

Hier in China braucht man praktischer- (oder verwirrender?)-weise nur eine Hand, um bis zehn zu zählen:

1.  yī (was wie „Ihhh“ ausgesprochen wird): der Zeigefinger

2. èr (wie das englische „are“): Zeigefinger und Mittelfinger

3. sān (wie „san“): Zeige- Mittel- und Ringfinger

4. (das „i“ wird sehr kurz und eher wie ein schwaches „e“ gesprochen): Geste wie in Deutschland

5. wǔ (das „w“ ist eher wie das englische „w“): die ganze Hand

6. liù („lio“): jetzt wird’s interessant. Streckt den Daumen und den kleinen Finger weg. Wie bei der Geste für Telefon.

7. qī („tschiii“): Zeige- und Mittelfinger berühren den Daumen

8. bā („baa“): Wie die deutsche zwei, Zeigefinger und Daumen wegstrecken

9. jiǔ („djiau“): Hand ballen, nur der gekrümmte Zeigefinger schaut raus

10. shí („schi“, aber nicht wie der Wintersport, sondern wieder mit einem sehr schwachen „e“ wie in „Frage“): geballte Faust oder man benutzt zwei Hände und kreuzt die Zeigefinger

An einer Hand zu zählen soll ja angeblich den Vorteil haben, instinktiv besser bis zehn rechnen zu können. Das allein ist bestimmt nicht der Grund, dass Asiaten im Ruf stehen, gut in Mathe zu sein. Da kann man sich eher bei strengen Eltern, unzähligen Übungsstunden und dem rigorosen chinesischen Schulsystem bedanken. Bestimmt sind auch nicht alle Chinesen gut in Mathe, aber so gerne ich dieses Klischee hier und jetzt entkräften will: jeder ehrliche Deutsche Mathelehrer würde in ein freudiges Schluchzen ausbrechen, wenn er sähe, wie mühelos der gerade neunjährige Jake mit Brüchen jongliert und Serenas Aufgaben verstehe ich gar nicht mehr (ich zitiere: „Manchmal braucht der Lehrer eine zweite Tafel um die Gleichung komplett anzuschreiben“).

Apropos Zahlen: Letztens hat Jake seinen ersten internationalen Witz gemacht. Er hat mich gefragt: „Do you want some zwei?“ und meinte „Do you want some too?“ Ich glaube, der Junge hat noch eine große Zukunft vor sich…

 

Das Frühlingsfest

Sonntag, 02.02.2014

 

 

Vor kurzem ist hier das neue Jahr auf Pferdehufen hinein galoppiert und wie! Das Frühlingfest (also das chinesische Neujahr) ist das wichtigste Fest der Chinesen und sie feiern es mit zwei Sachen, die den Chinesen wichtig sind: Familie und Essen.

Die chinesischen Verkehrsverhältnisse entwickeln sich von schlecht zu katastrophal in der Zeit um das Fest herum- immerhin besucht zu dieser Zeit jeder gute Chinese seine Familie. Was heißt, dass ganz China auf den Beinen ist (wer kein Flugzeug oder Zugticket mehr bekommt: kein Problem, die paar tausend Kilometer mit dem Motorrad ist ja ein Klacks) und ich mal den generellen Reisetipp gebe, als Ausländer in dieser Zeit an Ort und Stelle zu bleiben.

Schon Tage vor Neujahr knallen Feuerwerkskörper und damit meine ich nicht die lächerlich kleinen, die man in Deutschland zu Sylvester in die Luft pustet, sondern welche mit ordentlich Sprengkraft. Marie hatte das wichtigste Fest des chinesischen Kalenders natürlich vollkommen vergessen. Das laute Geräusch, das entsteht, wenn man einen Handgranaten-ähnlichen Feuerwerkskörper mit der verstärkenden Akustik der vielen Hochhäuser kombiniert, rief ihr dieses Ereignis wieder in Erinnerung. Dieses Aha-Erlebnis fand in der Küche statt, in die sie panisch gerannt war, während sie abwechseln Erdbeben-Sicherheitsmaßnahmen und den eventuellen Ausbruch des dritten Weltkrieges kontemplierte.

Nun, es war nur der Anbruch eines neuen Jahres und das schlimmste, was mir an diesem Abend passierte, war mir das chinesische Fernsehprogramm anzusehen und mich mit Süßigkeiten vollzustopfen.

Die Neujahrsshow ist sehr populär und so eine Art Sylvestertradition. Sie bestand aus viel Singen und Tanzen (das natürlich mir perfekter Synchronität), einigen Sketchen und sehr, sehr vielen Pferdebildern. Ich habe die Familie gefragt, was denn z.B. im Jahr der Ratte gemacht wird, weil sich galoppierende Ratten ja nicht so majestätisch ausnehmen, aber die sehr interessante Antwort ist leider an der Sprachbarriere gescheitert.

Um Mitternacht gab es noch mehr Feuerwerk und ich war dann gegen eins sehr dankbar für einigermaßen schalldichte Fenster und einen tiefen Schlaf.

 

Geschenke gibt es auch: die Erwachsenen schenken den Kindern Geld in roten Papierumschlägen. Und zwar mal nicht eben so zehn Euro, sondern dann hundert oder mehrere hundert Euro. Dabei müssen die armen Erwachsenen nicht nur die eigenen Kinder beschenken, sondern auch die Kinder der Verwandtschaft. Andererseits bekommen die eigenen Kinder ja auch Geld geschenkt, also muss keiner große Verluste einstecken.

Überhaupt ist die chinesische Einstellung zu Geld sehr viel lockerer und offener als in Deutschland. Bei uns heißt es „Geld macht nicht glücklich“, ständig werden der tugendhafte Arme und der böse Reiche gegenübergestellt und die Frage nach dem Gehalt darf man erst nach drei Jahren enger Freundschaft gefahrlos stellen. Chinesen sind da unverblümter; ganz offen wünscht man hier dem anderen Reichtum und Wohlstand zum neuen Jahr.

 

Ein Besuch im Restaurant

Donnerstag, 06.02.2014

 

 

Jäger und Sammler ade, hier kommt die nächste Stufe der Essensversorgung: der Besuch eines chinesischen Restaurants! Wer goldene Plastiklöwen und Krabbenchips erwartet, der wird bitter enttäuscht werden. Überhaupt kann man so einiges falsch machen…

 

Vor allem zur Rush Hour sind die Restaurants oft überfüllt und eine kleine Menschentraube bildet sich um den Eingang. Kein Problem- oft gibt es extra Warteräume und meistens werden den Gästen Nummern zugewiesen. Manchmal gibt es sogar einen extra Automaten zum Nummern ziehen, wobei  ich dann immer nostalgisch in der Erinnerung an deutsche Behörden schwelge.

 

Dann, ungefähr zehn Minuten später, wird man zu seinem Tisch geführt. Der Kellner bringt eine Karte- die ist allerdings auf Papier gedruckt und wird von einem Stift begleitet. Eine Person bestellt dann für die ganze Gruppe und setzt Kreuzchen neben den entsprechenden Gerichten.  Man fühlt sich ja oft von einer zu großen Auswahl überfordert (ein Umstand, der sich bei mir vor allem bei der Wahl eines Studiengangs und in der „Subway“ Schlange äußert) und es ist wirklich nett, die Verantwortung abzugeben und sich nicht durch die chinesischen Schriftzeichen der Speisekarte quälen zu müssen.

 

Zu trinken bestellt man normalerweises nichts- aber Wasser und Tee stehen eh meistens kostenlos zur Verfügung. Die Tischplatten sind fast immer drehbar, sodass man an alle Gerichte problemlos herankommt. Servietten stehen hier nicht so hoch im Kurs und es werden lieber Gesichtstücher gereicht. In einigen Restaurants sind es auch mit lauwarmem Seifenwasser getränkte Handtücher.

 

Nach sehr kurzer Wartezeit (kaum mehr als zehn Minuten) kommen die ersten Gerichte an. Das erste Mal, als ich hungrig in einem Restaurant saß, hab ich mich gleich darauf gestürzt und hab mich an den drei Gerichten satt gegessen- tja, als während der nächsten dreißig Minuten immer mehr Gerichte aufgetragen wurden, die ich dann aus Höflichkeit auch gegessen habe, habe ich das ein wenig bereut. An dem Abend bin ich mit leichter Übelkeit und etwas weiser als zuvor ins Bett gegangen.

 

Wie viele Gerichte bestellt werden, kommt auf den Anlass und die Anzahl der Gäste an. Ich habe mich von spätrömischer Dekadenz durchdrungen gefühlt, als letztens bei einem Abendessen mit der Familie anlässlich des Frühlingsfestes sage und schreibe vierzig Gerichte aufgetragen wurden (der Kellner fängt dann an, die Teller mehr oder weniger stabil übereinander zu stapeln). Dann bekommt man von jedem Gericht nur ein paar Bissen hinunter und ihr könnt euch ja vorstellen, was an Resten übrig bleibt. Manchmal nimmt man die Reste in Boxen mit nach Hause, aber das meiste wird weggeworfen. Wahrscheinlich landet so viel gut schmeckendes Essen in den Mülltonnen der Restaurants, dass ein kleines afrikanisches Land davon ein Jahr leben könnte und überhaupt ist es eine schreckliche Vergeudung.

 

Sobald aufgegessen wurde, verlässt man das Restaurant in einer fast fluchtartigen Geschwindigkeit. Das ist zuerst ein wenig befremdlich, aber eigentlich ganz angenehm (denn das stundenlange Herumsitzen, während meine Gastfamilie auf chinesisch parliert entfällt nämlich- interessante Tätigkeiten wie Gesichter aus Essensresten legen, mit soziologischen Interesse andere Restaurantbesucher zu beobachten und eine mentale Liste der Kellnerinnen geordnet nach ihrer Attraktivität zu erstellen; kurz Tätigkeiten, die sonst jeden Restaurantbesuch versüßen, verlieren nach gewisser Zeit ihren Reiz).

Die Rechnung wird nicht geteilt und oft  streiten sich die Chinesen aus Höflichkeit, wer denn bezahlen darf (aber jeder lädt mal den anderen ein, sodass es insgesamt ausgeglichen ist). Trinkgeld wird keines gegeben.

 

Das Essen schmeckt unglaublich gut und die Chinesen sind energischer als jede deutsche Großmutter, was das „du musst mehr essen“ angeht: jeder Restaurantbesucher, der nicht mit gefühlten zehn Kilo mehr den Essenstempel verlässt, hat etwas falsch gemacht.

Tierliebe

Mittwoch, 12.02.2014

 

 

Man kann keinem Chinesen vorwerfen, nicht tierlieb zu sein- die lieben kleinen Tierchen werden hier mit den besten Saucen und Beilagen verhätschelt,  die man sich nur wünschen kann.

Während fast jeder Deutsche „tierlieb“ ist,  Kontakt zu Haustieren hat und nach einer Reportage über Massentierhaltung für zumindest fünf Minuten Besserung gelobt, haben die Chinesen eine andere und sehr pragmatische Sichtweise: Tiere werden als Nahrungsquelle oder Ware angesehen.

Klar ist es ein wenig befremdlich, wenn Jake auf die Frage nach seinem Lieblingstier „Huhn“ antwortet (weil es lecker ist) und als ich auf dem Land war, hätte ich gerne auf den Anblick der verfilzten Straßenhunde und der Steinigung der Ente verzichten können.

Niemand hier ist Vegetarier (zumindest nicht aus Tierschutz-Gründen) und ich habe zehn Minuten gebraucht, bis ich Serena erklärt hatte, dass eine meiner Freundinnen sich vegan ernährt. Nachdem sie dann endlich das Konzept verstanden hatte, musste sie erst einmal ziemlich lange ungläubig lachen.

 

Diese Einstellung liegt denke ich zu einen an der chinesischen Esskultur: zu jeder Mahlzeit gehört Fleisch (und Chinesen essen dreimal täglich warm) und zwar von allen möglichen Tieren. Da wird nicht so stark zwischen Haustier und Nutztier unterschieden und auch wenn nur wenige Chinesen jemals Hundefleisch probiert haben: was essbar ist, wird gegessen.

Dann muss man ja bedenken, dass noch über die Hälfte der Bevölkerung noch auf dem Dorf lebt und (gerade die Älteren) auch Lebensmittelknappheit kennt- da bleibt eben nicht so viel Raum für Sentimentalitäten. Wer kämpft schon gerne mit hungrigen Magen für das Recht des Essens anstatt für das Rechte auf Essen?

Und überhaupt- ich bezweifle, dass sich jemand für die Rechte der Tiere starkmacht, wenn Rechte der Menschen noch nicht durchgesetzt sind.

 

Ich glaube schon, dass sich die Einstellung zumindest teilweise mit größerem Wohlstand und dem Vorbild der westlichen Lebensweise ändern wird. Auch jetzt sehe ich viele jüngere Chinesen mit vierbeinigen Freunden auf der Straße- und ich versichere euch, dass die meisten der Hunde besser angezogen sind als ich.

 

Toilettentango

Donnerstag, 20.02.2014

 

 

Mein erster Tag in China. Jung und naiv betrete ich ein chinesisches Badezimmer. Über der Toilette hängt ein Schild. „Bitte das Toilettenpapier in den Mülleimer werfen und nicht in die Toilette“. Ich schlucke. Ich lese das ganze noch einmal. Skeptisch blicke ich auf den besagten Mülleimer. Weil ich nicht verantwortlich für irgendwelche explodierende Toiletten sein will, gehorche ich dem geschriebenen Worte und verlasse immer noch jung, aber um eine Erfahrung reicher das Badezimmer.

Solche Schilder sind hier keine Seltenheit, denn die Rohre der Kanalisation sind oft veraltet und zu eng, um sich mit dem Papierkram abzugeben. Tja, und das ist nur der erste von vielen Unterschieden.

Nur die großen Restaurants haben hier Toiletten. Wer etwas kleiner speist, der sollte den Weg zu der öffentlichen Toilette seines Vertrauens wissen und hoffen, dass diese nicht allzu dreckig ist.

 

Die Putzmethoden sind auch sehr kurios. Die meisten Kabinen sind hier nämlich gefliest und haben einen kleinen Abfluss im Boden. Was macht also die Reinigungskraft? Hält einen Gartenschlauch auf den Porzellanthron und spült alles mit Wasser weg. Apropos Reinigungskraft: es wird hier kein „Verdauungsgroschen“ auf einen Teller gelegt (Chinesen haben es ja nicht so mit Trinkgeld).

 

Obwohl man viele der westlichen „Sitz-Toiletten“ findet, gibt es vor allem „Hock-Toiletten“. Die bestehen dann aus einem Loch im Boden (was nicht so Dixi-Klo-artig ist, wie es klingt. Stellt es euch ein bisschen wie eine sehr tief gelegte „normale“ Toilette ohne Brille vor. Links und rechts davon dann kleine geriffelte Stellen, wo man die Füße hinstellen kann). Diese Toiletten sind nichts für schwache Beinmuskeln und ich persönlich halte immer Ausschau nach westlichen Toiletten.

 

Zu guter Letzt: es gibt nicht immer Toilettenpapier, habt also immer eine Packung Taschentücher  (und Desinfektionstücher für die etwas Penibleren) bei euch.  Das mit den Taschentüchern ist überhaupt ein genereller Tipp. Wenn man nämlich in einem sehr gut geheizten Restaurant sitzt und heiße, scharfe Suppe isst, dann fängt die Nase schon mal an zu laufen. Und wenn man da keine Taschentücher zur Hand hat, steigt die Verzweiflung langsam aber sicher (denn es werden ja Handtücher anstatt Servietten gereicht. Außerdem ist es sehr unhöflich, sich bei Tisch zu schnäuzen) und man wünscht sich welche herbei.

 

Deutschunterricht

Montag, 24.02.2014

 

 

An dieser Stelle möchte ich kurz die absolut wahre Geschichte über die Entstehung der deutschen Sprache anbringen.

Babel. Der Schauplatz: Einige Stockwerke über dem berüchtigten Turm im Himmel (genauer gesagt dritte Kumuluswolke von links). Gott steht mit Schürze in seiner Küche und kocht neue Sprachen. Die chinesische Sprache ist schon fertig, köchelt in dem großen Topf vor sich hin und riecht nach fünf verschiedenen Betonungen. Dort hinten steht Französisch. Gott hat extra viele Buchstaben hinzugegeben, dass ganze dann aber bei minimaler Betonung gekocht.  Gerade nimmt Gott Englisch vom Feuer- besonders stolz ist er auf die drei Löffel willkürliche Aussprache, die er im letzten Schritt als Folge eines Geistesblitzes hinzugegeben hat.

Jetzt nimmt er einen neuen Topf. Er knackt mit seinen Fingern und grinst durchtrieben. Sein neustes Süppchen würde etwas ganz Besonderes werden. Zuerst ein ähnliches Rezept wie Englisch. Er überlegt kurz. Schnell nimmt er den Akkusativ und den Dativ vom Regal und schüttete sie in die heiße Sprache, die bedrohlich zischt. Mit dem Genitiv in der Hand zögert er einen Moment, zuckt dann mit den Achseln und lässt auch ihn in die Brühe fallen. Jetzt läuft Gott zu großer Form auf. Unregelmäßige Verben werden kleingeschnitten und fliegen im hohen Bogen in die Sprache. Dann ein paar durchgeknallte Zeitformen und nicht ein, nicht zwei, sondern drei Artikel. Schließlich noch zwei großzügige Handvoll unregelmäßiger Pluralformen. Gott hält kurz inne und streicht sich gedankenverloren über den weißen Bart. Ach ja! Fast hätte er die seltsame, harte  Aussprache und die Prise Lehnwörter vergessen. Gott nimmt einen Löffel und probiert. Salzig, so wie die Tränen verzweifelter Deutschschüler. Exzellent! Mit einem zufriedenen Lächeln betrachtet Gott sein Werk.

 

Hier Deutsch zu unterrichten ist eine Herausforderung. Und das Wort  „Herausforderung“ ist ein schamloser Euphemismus. Warum? Weil Deutsch zu sprechen und Deutsch zu unterrichten zwei vollkommen verschiedene Dinge sind. Weil die deutsche Grammatik schwerer ist als ein Sumo-Ringer. Weil ich alles auf Englisch unterrichte, was bei Jake sehr wackelig ist und weil das Arbeitsbuch auf eine Klasse von dreizehnjährigen Kindern ausgelegt ist und nicht auf Einzelunterricht mit einem neunjährigen chinesischen Jungen.

 

Eigentlich ist die Begeisterung für die deutsche Sprache in der Familie ja rührend. Der Vater, der die Mängel in der Aussprache durch Lautstärke wettmacht. Die Mutter, die nach meiner zögerlichen Kritik sofort drei neue Arbeitsbücher gekauft hat.  Serena, die zwar eigentlich keine Zeit hat, mit der ich aber in zwei Wochen zwei komplette Arbeitsbücher durchgearbeitet habe. Jake, der eh begeistert dabei ist. Cuity, der ein Wort für Deutsch hat („Rrrr“) und ein Wort auf Deutsch kann: Ball.

 

Im Moment gebe ich nur Jake Deutschstunden und die Mutter greift energisch mir unter die Arme. Klar, es ist hilfreich, wenn jemand noch mal alles auf Chinesisch erklärt. Aber leider treffen da verschiedene Vorstellungen von Lernmethoden aufeinander. Sie ist großer Fan der phonetischen Schreibweise und sieht die Aussprache als erste Grundlage an (während ich finde, dass zusammenhangloses Lernen sinnlos ist). Jetzt liest Jake also stundenlang die gleichen stupiden Wörter vor, während ich mit glasigem Blick daneben sitze und ihn korrigiere. Währenddessen unterstreicht sie seine Fehler, malt Sternchen bei Erfolg und schimpft, wenn er einen Fehler wiederholt. Nach der zehnten Wiederholung ziehen meine Gedanken die Siebenmeilenstiefel an und wandern umher. Habt ihr schon mal über das Wort „Handschuh“ nachgedacht? Schuhe für die Hand. Oder „Unterhemd“? Unter dem Hemd.

Während ich am liebsten Verständnisfragen  stelle, verlangt sie regelmäßig von Jake, aufzustehen und den Text/Dialog auswendig aufzusagen.

 

Aber immer ist die Mutter ja nicht da und meistens schaffe ich es, die Unterrichtsstunden einigermaßen sinnvoll zu füllen. Jakes Deutsch ist mittlerweile besser als mein Chinesisch; ich weiß bloß nicht, ob das ein gutes oder schlechtes Zeichen ist…

 

Eule und Lerche

Donnerstag, 27.02.2014

 

 

Während der deutsche frühe Vogel den Wurm fängt, hat der chinesische Vogel schon einen Rundflug gemacht, zwei Nester gebaut und das Heilmittel für Vogelgrippe gefunden, bevor sich der Wurm überhaupt aus dem Bett begeben hat.

In der Gastfamilie heißt am Wochenende ausschlafen, bis viertel vor acht im Bett zu liegen. Obwohl es eine (beunruhigende) Offenbarung war, zu merken, wie viele Stunden der Vormittag  hat: wenn es nach mir ginge, würde ich erst um zehn aufstehen und vor elf nicht intelligent kommunizieren.

Chinesen sind chronische Frühaufsteher und Morgenmenschen. Und die älteren Chinesen sind sogar noch schlimmer. Wenn ich Jake richtig verstanden habe*, dann stehen seine Großeltern um drei Uhr morgens auf, essen um vier Frühstück, um halb zehn Mittag und um halb vier zu Abend.

Gleichzeitig unternehmen sie kaum noch etwas am Abend. Meine Ausgangssperre ist hier auf halb neun Uhr abends festgesetzt (meine Stellung als verantwortungsvolle Erwachsene ist hier leider mit einem kläglichen Geräusch verpufft), aber selbst wenn ich etwas unternehmen wollte: viele Busse hören schon um kurz vor acht auf zu fahren.

 

 

*Obwohl Jake sein Englisch sehr verbessert hat, kleine Kommunikationsfehler bleiben immer bestehen. Zum Beispiel, als er heute statt „mess“ (Unordnung) „meth“ gesagt hat und ich schon ungeahnte Drogenlabore in seinem Zimmer zu vermuten begann. Oder neulich, als er so felsenfest darauf beharrte, dass Cuity Onkel geworden sei, dass ich mir ein paar ziemlich plausible Verschwörungstheorien über ein verschollenes viertes Geschwisterkind zurechtgelegt habe.

Halbzeit

Mittwoch, 05.03.2014

 

 

 Eigentlich waren die drei Monate schon letzte Woche um. Aber erst seit heute halte ich meinen Pass in den Händen, in dem die wunderschöne Verlängerung meines Visums klebt. Nachdem nun feststeht, dass ich nicht in Handschellen aus China eskortiert werde, wollte ich ein paar Sachen sagen.

 

Ich habe mich gut eingelebt und die Routine macht vieles leichter.  Vorbei ist die Zeit, in der sich meine Augen panisch-überfordert weiteten, als mich die Kassiererin fragt, ob ich eine Plastiktüte möchte. Vorbei die Zeit, in der ich einen ausdrucksstarken Tanz hinlegen musste, um der Haushälterin nach der Waschmaschine zu fragen. Nicht, dass mein Chinesisch  flüssig wäre- es ist vielleicht doppelt so gut wie am Anfang, was leider immer noch erbärmlich schlecht ist-aber meine Pantomime ist deutlich effizienter geworden.

Langsam kommt mir der Reis zur Nase heraus (und in Jakes Fall meine ich das wörtlich. Neulich musste er sich schnäuzen und hat dann ganz verdattert auf ein Reiskorn in seinem Taschentuch gestarrt) und ich fantasiere von italienischen Nudeln, Müsli und Kaffee.

Abgesehen davon geht es mir hier aber ganz gut und ich freue mich auf die drei restlichen Monate.

 

Die positiven Rückmeldungen, die mich über Umwege erreichen, bedeuten mir viel. Ich kann nicht allen danken, aber ich möchte erwähnen, dass ich dem David aus Bremen eine Laterne auf meiner Joggingstrecke gewidmet habe; und zwar genau dreihundert anstrengende Meter vor Ende. Gut, die Laterne ist (wie ich kürzlich gemerkt habe) in Wirklichkeit ein Pfahl mit einer Sicherheitskamera. Aber es ist ja die Geste, die zählt.

 

Das Kontaktformular oben rechts in der Ecke des Blogs ist zwar ein Formular, aber Kontakt herstellen tut es leider nicht. Das liegt aber (ausnahmsweise) nicht an mir. Ich habe versucht, die Betreiber des Blogs zu kontaktieren- alas, sie antworteten nicht. Meine Verschwörungstheorien schwanken mittlerweile zwischen den Illuminati, Big Brother  und einem chinesischen Bermudadreieck.

Es tut mir um alle Nachrichten sehr leid, die im binären Nirwana verschwunden sind. Ich bin allerdings über E-Mail zu erreichen.

 

Ein blonder Leuchtturm

Freitag, 07.03.2014

 

 

In Ningbo gibt es noch ein anderes Au-Pair Mädchen aus Deutschland, mit dem ich mich regelmäßig treffe. Letztes Wochenende haben wir das gemacht, was zwei Teenager mit genug Geld und absoluter Freiheit in einer fremden Stadt eben tun: wir gingen in den Zoo. Dank des Nieselregens waren nur wenige Chinesen unterwegs, aber eine Gruppe hat gleich Fotos einer besonders exotischen Tierart geschossen: uns.

Anders als im sehr internationalen Shanghai sind Ausländer hier eine Seltenheit und ich werde auf der Straße unverhohlen angestarrt. Autos fahren langsamer, Kleinkinder klammern sich enger an ihre Eltern und es ist nur eine Frage der Zeit, bis ich einen Verkehrsunfall verursache, weil ein Motorradfahrer den Kopf zu lange zu mir hindreht.

In den ersten Wochen fand ich diesen Filmstar-Effekt kurios und auch schmeichelhaft; natürlich wird man oft besser behandelt als der durchschnittliche Chinese (und meine liebe Freundin hat auch schon einen ernstgemeinten Heiratsantrag bekommen), aber die ganze Aufmerksamkeit fällt doch sehr lästig. Gestern wollte ich Teigtaschen kaufen und sämtliche fünf Angestellte im Laden sind für zehn lange Sekunden erstarrt, haben sich hilfesuchend angeschaut und anschließend mit Gesten ausdiskutiert, wer denn zu mir hingehen soll. Ach, die Ironie: Ich wohne auf einem fremden Kontinent in einer Millionenstadt und die Chinesen haben den größeren Kulturschock.

Allgemein sind die Reaktionen auf Ausländer aber sehr positiv und gerade Deutschland genießt einen erfrischend guten Ruf (Autos, Technik, Qualität…)- besser sogar als Amerika. An meinem zweiten Tag hier bin ich in den Park gegangen und wurde von zwei Chinesen nach meiner Nationalität gefragt. Auf mein gestammeltes „de gou ren“ lächelten sie gleich breit, nickten verständnisvoll und nannten mir den Namen der Persönlichkeit, die sie mit Deutschland assoziierten: Karl Marx.

Chinesen und der Sport

Freitag, 14.03.2014

 

 

Wundert euch nicht, wenn euch ältere Leute entgegenkommen, die rückwärts spazieren gehen. Oder wenn sich eine Gruppe auf einem öffentlichen Platz um einen plärrenden CD-Spieler schart und dann synchron rhythmische Bewegungen macht. Nein, hier werden keine Dämonen beschworen-hier wird eifrig Tai Chi betrieben. Der Sport ist vor allem bei Rentnern beliebt, um sich bis ins hohe Alter fit zu halten.

Eine andere beliebte Sportart ist natürlich Tischtennis, das meine Familie mit sehr unterschiedlichem Können spielt. Die Eltern sind beide sehr gut und ich kämpfe vor allem gegen meinen Leichtathletik-Instinkt an, den Ball mit voller Kraft wegzuschlagen. Jake ist ja erst neun und besonders häufig trifft er den Ball nicht (das hat ihn aber nicht davon abgehalten, mich mit dem  Ball aus einem ziemlich unglaublichen Winkel ziemlich zielsicher in mein Gesicht zu treffen).

Basketball ist auch populär, wird aber eher im Fernsehen geschaut als gespielt. Und ich durfte meine Definition von Sport auch erweitern: Spazierengehen ist, wie die Mutter mir versichert, „good excercise“. Zehn Minuten um den Block gehen und schon werden alle Gewichtsprobleme gelöst. Na ja. Ich finde ja schon Reiten fragwürdig, weil das Pferd die ganze Arbeit macht- aber Sport, wo man noch nicht einmal ins Schwitzen gerät?

Außer den missmutigen Schülern, die in unbequemen Schuluniformen um den Sportplatz gejagt werden, macht hier keiner unter sechzig regelmäßig Sport. Es gibt keine Sportvereine und der Durchschnittschinese hat eh keine Zeit für körperliche Ertüchtigung (Sport überhaupt wird als Anstrengung und nicht als Erholung angesehen).

Heute habe ich tatsächlich einen anderen Jogger gesehen. Der ist allerdings nach fünf Minuten stehen geblieben und hat dann mindestens zehn Minuten mit geschlossenen Augen, tief atmend und leicht wippend auf der Stelle verharrt. Ach ja, die Chinesen sind eben Kopfmenschen und bevorzugen „leichte“ Sportarten, die die Konzentration fördern. Und ich finde mich mit meinem Status als das blonde joggende Weltwunder ab.

 

Links zwo drei vier

Donnerstag, 20.03.2014

 

 

Letztens habe ich Jake mit leichter Verspätung zur Schule gebracht. Plötzlich fangen die Lautsprecher am Schulgebäude an, Musik zu spielen. Ich gehe natürlich unbeeindruckt und munter plaudernd weiter, bis ich merke, dass Jake vor zwanzig Metern stehen geblieben ist und salutiert. Ein irritierter Blick in die Umgebung zeigt, dass sämtliche Schulkinder das gleiche tun. Dann hört die Nationalhymne auf zu spielen und wie bei Stopptanz oder nach einem Flashmob gehen alle normal weiter.

Im Vergleich zu Deutschland gibt es hier große Militärbegeisterung und noch größeren Patriotismus. In den Nachrichten laufen oft Berichte über das neuste Kampfflugzeugmodell der Armee oder über einen Flugzeugträger. Klassenfahrt? Pah! Wenn ich die holprige Erklärung richtig verstanden habe, verbringen die Kinder einige Tage beim Militär, um den Alltag der Soldaten kennen zu lernen, sich körperlich anzustrengen und Disziplin zu lernen.

Es ist natürlich so, dass ich mit einem neunjährigen Jungen zusammenlebe, dem sein Onkel gesagt hat, er würde ein guter General werden. Jake ist sehr begeistert von Krieg, Waffen und der Armee und er kann nicht nur den zweiten Weltkrieg in und auswendig (und zwar mit allen Daten), sondern zeichnet auch mit großer Begeisterung stundenlang Kriegsszenen. Manchmal sagt die Mutter, er soll gerade stehen „like a soldier“. 

In den ersten Wochen hier hab ich mir schon ein bisschen Sorgen gemacht. Während des Unterrichts hat er bei jeder Kleinigkeit, die er nicht wusste, mit zwei Fingern an den Kopf gezeigt, „Bäm“ und dann „I’m dying“ gesagt und ist dann kurz auf das Sofa gesunken. Was für ein Kompliment für meinen Unterricht.

Auch als wir dann zusammen verschiedene Berufe gezeichnet haben: Frisör (ein kleines Strichmännchen hält eine zwei Meter große Schere bedrohlich über das zweite Strichmännchen), Mechaniker (ein Strichmännchen fliegt weg von einem explodierenden Auto), Krankenschwester (ein Strichmännchen liegt am Boden, die Krankenschwester jagt eine ein Meter große Spritze in den Bauch) oder Stewardess (ein Kampfjet beschießt einen brennenden Panzer). So viel also zu meinen pädagogisch wertvollen Spielen.

Klingt das besorgniserregend? Soll es nicht. Jake ist ein sehr militär- und geschichtsinteressierter Junge mit lebhafter Fantasie und einer Vorliebe für Kriegsspiele. Sehr süß und naiv hat er mir schon mehrmals versichert, dass er zwar General werden will, aber niemanden töten möchte...

 

Shengri kuaile (Happy Birthday)

Montag, 31.03.2014

In China gibt es zwei Kalender: einmal den westlichen und einmal den chinesischen (oder „Bauern“-) Kalender, der weitaus beliebter ist. Mit diesem Kalender werden die chinesischen Feiertage festgelegt und Geburtstagsgratulationen sehr schwierig gemacht.

Das „wann“ des Geburtstags wird meistens mit chinesischen Datum angegeben und selbst wenn man dieses nachschlägt, sollte man vorsichtig beim „wie alt“ sein. Warum? Zwei Sachen: der Geburts-Tag wird als Geburtstag gezählt; Neugeborene sind also schon ein Jahr alt. Außerdem wird man nicht nach seinem Geburtstag ein Jahr älter, sondern nach dem Frühlingfest. Ein Baby kann also zwei Wochen (nach unserer Rechnung) und zwei Jahre (nach chinesischer Rechnung) alt sein.

Noch nicht genug Verwirrung? Manche Chinesen kommen uns Ausländern auch entgegen und nennen und kombinieren z.B. das (chinesische) Alter mit einem westlichen Datum. Meistens hilft nur stupides Nachfragen nach dem vollständigen Geburtsdatum in unserem Kalender. Aber- und hier kommt ein freundliches „aber“, welches euch von krampfhaften Kopfrechnen und nervösen Nachschlagen bewahrt- aber Geburtstage sind nicht so wichtig.

Jake hatte im Januar Geburtstag und Serena im Februar und ich habe natürlich beide glorios verpasst. Zum Glück war das nicht schlimm, es wurde weder gefeiert noch irgendwelche Geschenke überreicht. Anlässlich Jakes Geburtstages sind wir einen Tag vorher ins Restaurant gegangen und an Serenas Geburtstag hat die Gastmutter eine Geburtstagstorte gekauft, die mit Tomaten dekoriert war (ja, die Tomate gilt hier als Frucht).

Deutschland ade

Dienstag, 01.04.2014

Liebe Leute, mir poltert eine Gerölllawine vom Herzen. Anlass dafür ist der Visumsaufkleber, der nach wochenlangem hin und her meinen Pass verziert (deswegen auch die lange Update-Pause; meine Muse scheint bei zu viel Anspannungen Stresspusteln zu entwickeln und dann versteckt sich das eitle Ding, wo ich es nicht finden kann). Ja, ich habe erst vor kurzem mein Visum verlängert und nein, ich sammle die Aufkleber nicht aus ästhetischen Gründen.

Wofür brauche ich also ein X3-Studentenvisum? Vereinfacht gesagt: weil ich hier studieren werde. Ich habe mich lange mit meinen Eltern beraten, nachdem ich erfahren habe, dass die Universität in Ningbo ein englisches Programm für internationale Studenten hat. Es war ja schon immer mein Traum, Literatur zu studieren und wenn ich meinen Studienaufenthalt noch mit chinesischen Sprachkenntnissen verbinde, werde ich trotz geisteswissenschaftlichem Abschlusses gute Berufsaussichten haben.

Ich habe ziemlich gute Chancen, ein tolles Stipendium zu bekommen und meine Gastfamilie ist begeistert, weil sie mich noch für einige Monate behalten kann (aber wenn die Uni anfängt, werde ich wohl ins Internat ziehen). Die Ankündigung kommt wohl für viele etwas überraschend und für meine Geheimniskrämerei entschuldige ich mich schon mal (außer meinen Eltern ist eigentlich niemand eingeweiht), aber ich wollte mich bei der Entscheidung darauf konzentrieren, was wichtig für mich ist und mich möglichst wenig von außen beeinflussen lassen.

Mein X3-Studentenvisum gilt für fünf Jahre, genehmigt aber (und das ist der traurige Haken) weder ein-noch ausreisen-man darf in dieser Zeit China nicht verlassen. Das heißt, meine Eltern werden sich mit drei Koffern voll mit meinen Sachen im August auf den Weg hierher machen, mich für zwei Wochen besuchen und ihr Kind dann auf die große weite Welt loslassen. Wer ein bisschen Taschengeld für einen Flug übrig hat, darf mich gerne besuchen.

Und als wäre eine Hiobsbotschaft nicht noch genug: im Internat sind keine technischen Geräte erlaubt und ausländische Studenten müssen (haltet eure schlotternde Knie fest) sich ein Programm auf den Computer laden, das den Internetzugriff direkt über die Universität laufen lässt. Bei vielen Studenten sperrt das den Zugriff auf sämtliche Internetseiten, die nicht auf Chinesisch sind und auf Seiten von Bloganbietern zu kommen ist ganz unmöglich.

Ab September werde ich also fast allen Kontakt abbrechen müssen, was mich jetzt schon sehr unglücklich macht. Aber insgesamt sehe ich meine Zukunft auf jeden Fall in China und wer weiß? Vielleicht finde ich hier einen Ehemann und habe nach den fünf Jahren schon Kinder…

Das nächste halbe Jahr werde noch fleißig den Blog weiterschreiben und dann in der Versenkung verschwinden. Ich werde das deutsche Essen, Hamburg und euch alle unglaublich vermissen- es ist so schwer vorstellbar, dass ich schon vierundzwanzig bin, wenn ich wiederkomme!

Bitte, bitte denkt an mich und erfüllt mir noch eine letzte Bitte: glaubt kein Wort von dem, was ich geschrieben habe. Einen fröhlichen ersten April!

Protokoll eines Absturzes

Sonntag, 13.04.2014

In diesem Blogeintrag werde ich weder eine durchgezechte Partynacht dokumentieren geschweige denn die Wahrheit ueber das vermisste Flugzeug enthuellen, obwohl die Oeffentlichkeit sicherlich an beidem interessiert waere.Wenn man den Titel allerdings im technischen und menschlichen Sinne versteht, dann ist er sicherlich zutreffend.

Samstag,letzte Woche, 11:30

Wie gebannt starrt Marie auf den Bildschirm ihres Computers. Datenstroeme werden hin und her geschickt, Bilder tauchen aus der Tiefsee auf und verschwinden wieder, Videos schwappen traege dahin. Marie laesst sich treiben und surft laessig dahin.

Samstag, 11:45

Langsam wird das lange Sitzen unbequem. Marie beschliesst, etwas komplett anderes zu tun und legt sich mit dem Computer auf das Bett.

Samstag, 12:15

Nach einem kurzen Mittagessen nimmt Marie ihre Ausgangsposition wieder ein. Eine kleine Meldung erscheint am unteren Bilschirmrand: "Akku fast leer". Blind tastet Marie nach dem Stromkabel und steckt es wieder ein.

Samstag, 12:17

Die Meldung blinkt beharrlich weiter. Marie gibt dem Computer einen strengen Blick und steckt das Kabel energischer rein.

Samstag, 12:18

Eine einsame Schweissperle laeuft Maries Stirn hinunter.

Samstag, 12:20

"Mein armes Baby, sei so lieb und iss fein deinen Strom" (begleitet von Singsangstimme und Streicheln); “Jetzt mach hinne du Sch***ding" (begleitet von rhytmischen Faustschlaegen). Marie konstatiert, dass ”Guter Bulle, boeser Bulle“ keinen Effekt auf den Straftaeter hat. Der Balken schrumpft auf die Groesse der Pantoffel eines Pantoffeltierchens.

Samstag, 12:25

Das Akku liegt in den letzten Zuegen. "Komm schon, bleib bei mir!". Wieder und wieder versucht Marie, den Computer mit dem Ladekabel zu verbinden. "Ich glaub an dich!" Keine Reaktion. "Geh nicht in das Licht am Ende des Tunnels!"

Samstag, 12:26

Der Bildschirm wird schwarz und spiegelt verzerrt Maries verzweifeltes Gesicht. Sie starrt in die Leere vor sich und in die Leere in sich und erinnert sich an glueckliche Zeit; Zeiten, in denen froehlich jauchzende Katzenvideos ueber den Bildschirm tobten und der glockenhelle autogetunte Gesang von Popstars aus den Lautsprechern ertoente. Der tote Bildschirm (auf dem jetzt einige Schmutzflecken deutlich erkennbar sind) starrt sie anklagend an. Behutsam klappt Marie den Laptop zu.

Samstag, 13:00

Marie hat saemtliche Trauerstufen durchlaufen und befindet sich mittlerweile in einer Phase der Akzeptanz.

Samstag, 18:00

Die anderen Familienmitglieder haben den Tod bestaetigt. Ohne grosse Zeremonie legt Marie ihren treuen Begleiter im untersten Regal des Schrankes zur Ruhe. ("Wenn wir wieder in Deutschland sind, wirst du repariert", fluestert sie ihr Versprechen).

Diese dramatischen Szenen sind jetzt ueber eine Woche her und noch immer klafft eine Luecke in meinem Herzen und meinem Tagesablauf. Skypen, regelmaessige Blog-Updates und meine Lieblingsserien ade.Ich werde euch vermissen.

Waesche waschen

Donnerstag, 17.04.2014

Die Mission: Waesche waschen. Das Problem: ich habe keinen blassen Schimmer, wie die Waschmaschine zu bedienen ist. Zu dieser Huerde des Alltags habe ich zwei Loesungsstrategien entwickelt. Bei der offensiven Methode stelle ich mich vor die Haushaelterin, zupfe energisch an meiner Kleidung und deute hektisch auf die Waschmaschine. Die andere, weitaus subtilere, Methode beinhaltet, in meiner Zimmertuer zu stehen und auszuspaehen, wann die Haushaelterin im Wohnzimmer ist und mit einem Waescheberg auf den Armen und einem bedeutungsvoll-freundlichen Laecheln auf den Lippen so an ihr vorbeizugehen, dass ich nicht missverstanden werden kann.

Doch diese Szenen gehoeren jetzt der Vergangenheit an. Ich, Marie, habe es nach fast fuenf Monaten angestrengter Geistesleistung endlich geschafft, alleine die Waschmaschine anzustellen. Hallejujah!

Bitte stellt euch jetzt folgende Filmmontage vor, unterlegt mit 'Eye of the Tiger': eine Waschmaschine, mit mehr chinesischen Knoepfen als ein NASA-Pult. Zoom auf Maries entschlossenes Gesicht. Ein Zeitraffer, wie Marie sich durch hundert Seiten Bedienungsanleitung kaempft und sich die Haare rauft. Marie in Blaumann und mit Schutzbrille, auf dem Ruecken liegend. Ihre Augen wandern panisch zwischen einem roten und einem blauen Kabel hin und her. Sie kneift die Augen zusammen und kappt das richtige Kabel. Schlussendlich Marie, wie sie wie ein professioneller Autodieb die Maschine kurzschliesst und sie endlich zum Laufen bringt. Letzte Einstellung zeigt ein zufrieden laechelndes Gesicht und weisse Waesche, die voller Selbstzufriedenheit in einer leichten Brise schwingt.

Gut, in Wirklichkeit habe ich genau zwei Knoepfe gedrueckt, die mit idiotensicheren Bildern ausgestattet waren, aber es ist ja das Ergebnis, das zaehlt.

Und das Ergebnis-in diesem Fall saubere Waesche- kann ich jetzt aus dem Fenster haengen. Hier in den Staedten gibt es fast nur Hochhaeuser und relativ wenig Platz in den Wohnunen, aber wenn ein ausklappbarer Waeschestaender vor dem Fenster montiert ist, hat man auch keine Platzprobleme. Meine anfaengliche Hoehenangst ist ueberwunden und mein Top, das in die Freiheit fliegen wollte, hat sich in einem Gebuesch wieder eingefunden.

Fuenf Spiele,

Mittwoch, 30.04.2014

...die man besser nicht mit Kleinkindern spielen sollte. Eine Liste, gewonnen aus fuenf Monaten harter Erfahrung.

5. Malen. Der Kuenstler in Cutie sprengt mit mutiger Kreativitaet die Grenzen, die ihm von seinem Umfeld gegeben werden. Die Normen der Gesellschaft (naemlich, mit Stift auf Papier zu malen) fegt er mit nobler Verachtung hinweg und beschreitet revolutionaer neue Wege. Die Zweidimensionalitaet des Papiers ist passe, die moderne Kunst will Performance und Cutie bemalt Sofa, Schrank, Bett, Wand, Maries Hosen, Buecher, Zeitungen und sich selbst. Eventuellen Kunstkritikern begegnet der aufstrebende Maler mit lautem Gebruell und Trotzanfaellen.

4. Haare pusten. Dieses Spiel besteht darin, dass Cutie mir meine Haare in den Mund legt und ich sie dann von mir weg puste. Dieses Spiel kann ueberall gespielt werden und hat am Anfang grosse Kicheranfaelle ausgeloest. Leider beschloss Cutie irgendwann, mich zu imitieren und leider hatte er in diesem Moment Esssen im Mund und war auf meinem Arm, sodass ich das Essen in Gesicht geprustet bekam.

3. Hinterm Vorhang verstecken. Ach, die Stunden, die ich schon hinter dem Vorhang verbracht habe, um dann immer wieder "Kuckuck!" zu rufen! In letzter Zeit allerdings soll ich immer hinter den Vorhang gehen (wehe ich strecke den Kopf raus) und es wird verdaechtig still. Ich gucke, und Cutie ist weggelaufen und natuerlich dahin, wo er nicht hin sollte.

2. Cutie und ich fanden beide, das Spiel "alte Zeitungen zerreissen und zusammenknuellen", war eine tolle Idee. Leider ist der Uebergang von "alte Zeitungen" zu "Zeitungen" zu "Jakes Hausaufgaben" zu "Buechern im allgemeinen" zu "alles, was wie Papier aussieht" fliessend.

1. Die Gastmutter wollte, dass der Kleine mehr deutsche Worte lernt. Heute morgen hab ich also jedesmal, wenn er den Stuhl oder den Tisch beruehrte, "Stuhl" und "Tisch" gesagt. Wir spielten vergnuegt etwa zehn Minuten. Cutie fand die vier Stuehle besonders toll und tippte sie immer wieder an. Aus meinem froehlichen "Stuhl", "Stuhl", "Stuhl" wurde allerdings ein sehr alarmiertes "Stuhl!", "Stuhl!", "Stuhl!", als sein grosses Geschaeft mit einem Flupp au dem Boden landete.

 

Durch duenn und duenner

Donnerstag, 08.05.2014

Neulich war ich zum ersten Mal fuer die Gastfamilie einkaufen. Zu meinem grossen Triumph hatte ich endlich das richtige Ende der Schlange zum Abwiegen des Gemueses gefunden und wartete nun friedlich laechelnd. Ploetzlich kam eine etwa fuenfzugjaehrige Frau auf mich zu, stricht mir ueber den Handruecken und sagte auf chinesisch "sehr huebsch" und liess mich mit einem verdutzten Gesichtsausdruck zurueck.

Ich bekomme hier sehr viele Komplimente ueber mein Aussehen- mit dem Exotenstatus und meinen blonden Haare errege ich ueberall Aufmerksamkeit. Aber was ist eigentlich das chinesische Schoenheitsideal?

Zuerst einmal, duenn zu sein. In der juengeren Generation sieht man des oefteren dicke Kinder was an der Verbreitung von Fastfoodketten (uebrigens ist KFC hier groesser als McDonald's) liegt, aber ansonsten gibt es kaum Uebergewichtige. Fuer junge Maedchen ist es ein absolutes No-Go, dick zu sein und sie achten sehr auf ihr Gewicht. Hier gibt's kein du-bist-schoen-egal-wie-viel-du-wiegst und kein schonendes Trippeln um das Thema- wenn jemand zunimmt, wird ihm das unverbluemt gesagt.

Helle Haut ist ein weiterer grosser Pluspunkt. In vielen Cremes hier sind Stoffe, die die Haut aufhellen sollen. Jetzt wo das Wetter besser wird, sehe ich staendig junge Chinesinnen mit Sonnenschirm rumlaufen und als ich mich heute bei meiner Chinesischlehrerin beschwert habe, dass ich im Sommer nie braun werde, hat sie mich nur entgeistert angestarrt (das werde ich im Hinterkopf behalten fuer das naechste Mal, wenn meine bleichen Beine in Hotpants alle Umstehenden blenden.)

Westliche Gesichtszuege werden bevorzugt, d.h. eine moeglichst wenig flache Nase und offene Augen. Schoenheitsoperationen, die beides moeglich machen, sind noch nicht so verbreitet wie in Suedkorea, aber nehmen rapide zu.

 

 

Das chinesische Schulsystem

Donnerstag, 22.05.2014


Der deutsche Schueler: eine bemitleidenswerte Kreatur. Seiner goldenen Jugendtage beraubt schmachtet er in stickigen Klassenzimmern dahin. Der helle Klang der Schulglocke bringt nur kurz Erleichterung, denn kaum ist er zu Hause, muss er wie Sysiphos den Hausaufgabenberg bezwingen. Sein Ruecken ist gekruemmt von der Last der Erwartung und sein Haar vor Kummer fast ergraut. Seine Haende zittern vom Schreiben der letzten Klausur und seine Knie zittern in Erwartung der naechsten.
 
Wenn besagter Schueler allerdings ueber den Tellerrand nach Asien schaut, wird er mit seinem eigenen Teller doch ganz zufrieden sein. Was ich damit sagen will? Verglichen mit der chinesischen Schule ist die deutsche Schule ein Wellnessurlaub in der Karibik. Liebe Eltern, spitzt die Ohren und schaerft die Augen, jetzt kommt Material fuer die naechste Auseinandersetzung mit dem lernfaulen Nachwuchs.
 
Die chinesische Schule ist in sechs Jahre Grundschule, drei Jahre "Mittelschule" (middle school) und drei Jahre Highschool aufgeteilt. Am Ende der Highschool steht das knallharte Abschlussexamen, worauf die Kinder waehrend ihrer ganzen Schullaufbahn hinarbeiten und welches ueber die Universitaet entscheidet.

Normalerweise sind es die Eltern, die ueber das Studienfach des Nachwuchses entscheiden. Chinesische Eltern wollen, dass ihre Kinder gut bezahlte Jobs bekommen und die Nachfrage und damit auchdie Konkurrenz um die begrenzten Studienplaetze fuer Aerzte und Ingenieure ist riesig (auf Berufe ausserhalb des naturwissenschaftlichen oder wirtschaftlichen Bereiches wird hinabgesehen). So etwas wie das deutsche Ausbildungssystem gibt es nicht und wer nicht zur Uni geht, kann nur unqualifizierte Jobs ausueben. Vor einigen Jahren haben die besten chinesischen Schueler noch im Ausland studiert, aber in letzter Zeit gab es eine Trendwende und jetzt werden die Schueler, die schlecht im Examen abgeschnitten haben, ins Ausland weggeschickt.
 
Habt ihr euch schon einmal gefragt, weshalb der stereotype Asiate so gut in der Schule ist? Das haengt ganz einfach mit der Zeit zusammen, die ins Lernen investiert wird.
Jake geht in der dritte Klasse. Seine Schule beginnt um zehn vor acht morgens und endet um viertel nach drei. Er hat eine zwanzigminuetige Pause vormittags und zehn Minuten mittags. Der durchschnittliche Schueler in seinem Alter macht anschliessend drei Stunden Hausaufgaben. Die Schule hat absolute Prioritaet fuer die Kinder; so wie es der Job der Eltern ist, Geld zu verdienen, sind die Kinder eben vollkommen damit beschaeftigt, fuer die Schule zu lernen. Natuerlich bleibt da nicht viel Freizeit uebrig. Das typische chinesische Kind sieht seine Freunde eigentlich nur in der Schule. Ich glaube, einer der groessten Schocks fuer Jake war, dass man in Deutschland oefters "einfach mal so" bei Freunden uebernachtet. Das ist hier undenkbar und er hat mich zehn Minuten lang  gefragt, ob wir Deutschen Aliens sind (groesser war nur noch sein Erstaunen, als ich ihm das Prinzip eines FKK-Bades erklaert habe).
 
Jake muss zum Glueck nicht so viele Hausaufgaben machen-ein Privileg, weil er Klassenbester ist-aber ich bekomme trotzdem heftige Gewissensbisse, wenn der Junge aus der Schule kommt, dann mit mir dreieinhalb Stunden Unterricht macht und anschliessend noch bis spaetabends seine Hausaufgaben erledigt.
Ueber Serena muss ich gar nicht erst sprechen. Obwohl es noch ueber ein Jahr hin ist, haengt schon der bedrohliche Schatten des Abschlussexamens ueber ihr. Sie ist Schulbeste, auch wenn sie von sich selbst sagt, dass sie die faulste Schuelerin der Schule ist. Ich wuerde vier Stunden taeglich lernen (am Wochenende acht) nicht unbedingt als "faul" bezeichnen, aber ihre Klassenkameraden lernen wohl irgendwie noch mehr. Vielleicht kann man sich das Schlafen abgewoehnen?
 
Anders als in Deutschland, wo das Lernpensum mit dem Alter koninuierlich ansteigt, hat man in China mit dem Abschlussexamen das Schlimmste ueberstanden. In der Universitaet hat man viel Freiheit und Freizeit (viele Jungs nutzen die Zeit, um von morgens bis abends Computerspiele zu spielen).
 
Aber woher kommt denn eigentlich das enorme Lernpensum? Ein Grund ist natuerlich das Abschlussexamen, das keine flexiblen Lehrplaene zulaesst. Dann ist es aber auch so, dass das chinesische Schulsystem traditionell auf dem Auswendiglernen beruht (schon im alten China gab es die Beamtenpruefung, fuer die man einen Grossteil seines Lebens lernen musste). Die Schueler erlangen ein sehr grosses Faktenwissen, welches staendig abgefragt, aber sehr wenig reflektiert wird.

 Der Leistungsdruck ist gross. Die Schulen konkurrieren untereinander und die Lehrer stehen unter Druck, den sie dann natuerlich an ihre Schueler weiterleiten. Aber auch die ehrgeizigen Eltern  verlangen perfekte Noten von ihren Kindern. Ausser den woechentlichen Tests gibt es auch viele Wettbewerbe, bei denen die Schueler der verschiedenen Schulen gegeneinander antreten.

 Der Unterricht ist natuerlich Frontalunterricht und die einzigen Noten, die zaehlen sind die schriftlichen. Die Autoritaet des Lehrers ist sehr viel groesser als in Deutschland und man wuerde hier nie eine Benotung kritisieren. Die meisten Tests sind Multiple-Choice, was vor allem auf die Kosten des Englischen geht, welches von den Schuelern kaum gesprochen wird. "We learn English for the exams, not for speaking", wie Serena mir erklaert hat und dementsprechend schlecht sind auch die Chancen, von einem Passanten eine Wegbeschreibung auf Englisch zu bekommen (glaubt mir, ich hab's versucht).

Das viele Lernen und die Fleissarbeit kommt vor allem Faechern wie Mathe zu gute, in denen die Kinder deutlich weiter sind als ihre deutschen Altersgenossen. Die chinesische Schule klingt zuerst einmal richtig hart und das ist sie auch. Aber hier ist es eben Normalitaet und auch wenn ich den enormen Leistungsdruck und das reine Auswendiglernen fragwuerdig finde, finde ich doch auch viele positive Seiten: 

- Die Kinder lernen das Lernen. Ein chinesisches Schulkind hat deutlich weniger Probleme mit dem Ueben fuer Arbeiten und lernt fruehzeitig, harte Arbeit mit Erfolg gleichzusetzen. Man kann das Gedaechtnis und die Konzentrationsfaehigkeit wie alles andere auch trainieren. Serena z.B. hat eine enorme Merkfaehigkeit und kann sich locker ueber hundert Vokabeln die Stunde merken. 

-Der objektive Wissensstand ist hoeher. Es ist wirklich erstaunlich, was man mit Uebung erreichen kann. Jake kennt hunderte von Geschichtsdaten, die Flaeche und Einwohnerzahl fast aller Laender und vergleicht mal eben so aus dem Stehgreif das Bruttosozialprodukt von Deutschland und Frankreich. In Mathe jongliert der neunjaehrige Junge mit Bruechen, macht Flaechenberehnung und zieht Wurzeln. Natuerlich ist Jake eher die Ausnahme, aber ein Blick in sein Schulbuch bestaetigt den Trend.

 -Das Lernklima ist positiv. Hier werden sind die besten Schueler hoch angesehen und sind am beliebtesten. Was fuer ein Unterschied zu Deutschland, wo intelligente und hart arbeitende Schueler von ihren Klassenkameraden oft abwertend als "Streber" und hoefliche, angepasste Schueler als  "Schleimer" bezeichnet werden, sodass Schueler es oft kaum wagen, sich im Unterricht zu Wort zu melden oder absichtlich schlechte Noten schreiben. 

Das alles ist natuerlich sehr verallgemeinernd gesagt; aber es lohnt sich auf jeden Fall, das westliche Schulsystem kritisch zu hinterfragen. Ich bin aber sehr, sehr froh in Deutschland zur Schule gegangen zu sein. Der Vergleich mit China (und mein selektives Gedaechtnis) ruecken den deutschen Schulstress in die richtige Perspektive. Ich blicke zaertlich auf die Dreiviertelstunde Hausaufgaben zurueck, die ich machen musste, laechel nostalgisch bei dem Gedanken an ein achtseitiges Dossier und halte die 36 Schulstunden pro Woche fuer das entspannteste, das mir je passiert ist.

Uebrigens kommt hier noch die Vorwarnung, dass sich mein Blog dem Ende zuneigt. Ich werde am 26. Mai, also in vier Tagen, wieder in Deutschland landen. Ein oder zwei Eintraege werden noch folgen, aber dann heisst es: zaijian China, hallo Germania. 

Nehmt Abschied, Brueder

Sonntag, 25.05.2014

Ich habe mich sehr gut hier in China eingelebt. Ohne mit der Wimper zu zucken ueberquere ich fuenfspurige Strassen bei rot. Cutie wird fuer das kleine Geschaeft ueber das Waschbecken gehalten oder ihm wird gesagt, er soll direkt auf den Boden machen? Kein Problem. Im edlen Restaurant werden Essensreste auf die bluetenweisse, teure Tischdecke gespuckt? Ich steh da drueber. Der Schweinekopf, der in der Tiefkuehltruhe liegt und mich anstarrt- ich verziehe keine Miene.

 Die Zeit in Ningbo neigt sich rapide dem Ende zu- in genau zwei Stunden werde ich mit dem Auto zum Flughafen in Hangzhou fahren, nach Beijing fliegen, nach Frankfurt fliegen, den Zug nach Hamburg nehmen und dort uebermuedet, erschoepft und- da ich meine beiden Wintermaentel uebereinandertragen werde- durchgeschwitzt meiner Familie in die Arme fallen.

 Das hier ist der letzte Blogeintrag, der live aus China geschrieben wird. Ich werde  "post mortem" noch ein bisschen editieren, eine Einleitung und Ausleitung schreiben und eventuell den ein oder anderen relevanten Blogeintrag hinzufuegen, aber im Grossen und Ganzen war's das jetzt. 

 Es war eine tolle Erfahrung, diesen Blog zu schreiben und ich moechte mich herzlichst bei allen Lesern bedanken.  

Mit lieben Gruessen aus Ningbo,

Marie